Neueste Artikel

TASH Living – Natascha Afana

Natascha Afana hat im April 2015 ihren eigenen Concept Store in Graz eröffnet. Tash Living. Eine aufregende Mischung aus Designerladen mit Themenbereichen wie ‚Grandpa’s Favourites‘ und ‚Alice in Wonderland‘, Präsentationsfläche für junge KünstlerInnen und DesignerInnen, und Café. Wir treffen sie in ihrem bunten Reich um mit ihr über den Mut zur Selbständigkeit zu reden und wie sie ihre vielen unterschiedlichen Stationen in ihrem Lebenslauf dabei beeinflusst haben.

Natascha, wenn man deinen Lebenslauf betrachtet, könnte man meinen, es handle sich um mehrere unterschiedliche Personen: Du bist Chemielabortechnikerin, hast nach deiner Ausbildung in einem Pharmaunternehmen gearbeitet, Architektur studiert und einen eigenen Laden eröffnet. Was war deine Motivation immer wieder was Neues auszuprobieren?
Bei mir war es nicht möglich gleich nach der Schule zu studieren. So habe ich die Lehre begonnen und auch schnell festgestellt, dass der Beruf zwar interessant ist, aber nicht das mit dem ich alt werden möchte. Ich habe es aber durchgezogen, weil ich nicht der Typ bin, der etwas anfängt und mitten drin aufhört.
Damals war es noch schwieriger etwas ganz Anderes zu machen, wenn du schon mal eine Schiene eingeschlagen hast. Du bist viel eingeschränkter. Für mich war aber schon vor der Lehre klar, dass ich mein eigenes Ding machen möchte, selbstständig arbeiten, mich mit Architektur und Interior Design zu beschäftigen. Nach meiner Ausbildung habe ich die Firma gewechselt und konnte meine Matura nachholen. 2008 habe ich dann mit dem Architekturstudium an der TU Graz begonnen. Ich bin offen für alles im Leben und habe es auch nie ausgeschlossen, Projekte im klassischen Architekturbereich zu machen.

TASH living-Einblick in den Shop

Die Idee für den Shop hast du schon länger?
Ja, genau. 2005 bei einer Istanbul-Reise kam mir die Idee. Es gefiel mir, dass die meisten Händler dort, neben ihren Waren auch Tee und Kaffee anbieten. Deshalb wollte ich meinen Shop mit einem Café verbinden.

Du möchtest auch noch ein Studio für Raumgestaltung mit dem Shop vereinen.
Ja, auf jeden Fall möchte ich zu meinem Concept Store auch Interior Konzepte anbieten und eigene Möbel entwerfen. Und dafür konnte das Studium ja nur ein Vorteil sein (lacht). Bis das aber richtig läuft, ist es noch ein langer Weg. Jetzt bin ich noch am Beginn und habe erste Kontakte zu regionalen Handwerkern geknüpft, mit deren Kooperation ich dann die Projekte umsetzen werde.

Welche Sachen aus deiner Vergangenheit, abgesehen von den fachspezifischen, hast du bei deinen vorigen Schritten gelernt, die dich jetzt in deinem Tun beeinflussen?

Ich denke, dass Projektmanagement in den Grundzügen immer gleich abläuft, egal in welcher Firma, auch in einem Architekturbüro oder wenn man sich zum Beispiel die Selbständigkeit als Projekt vornimmt. Wenn man dieses Wissen für sich nutzt, bringt es viel und man kann aus allem in der Vergangenheit lernen.

In den Jahren im Pharmaunternehmen hatte ich zum Beispiel eigene Projekte, für die ich alleine verantwortlich war, musste mir von anderen die nötigen Informationen holen und hatte meine Deadlines, wann alles fertig sein musste.

SONY DSC

Verkaufsstücke im TASH Living Store

Was sind solche Punkte, die du aus dem Architekturstudium mitgenommen hast?
Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich gehe meist intuitiv vor und halte mich an mein Bauchgefühl, bin aber gleichzeitig sehr strukturiert und sachlich beim Arbeiten.
Ich glaube nicht, dass ich vor dem Studium anders an den Shop herangegangen wäre.Das Einrichten habe ich immer schon gern gemacht. Da war es auch ein Vorteil, dass ich so oft gesiedelt bin und so konnte ich viel ausprobieren, schließlich passen die Möbel oft nicht in die neue Wohnung. Ich habe von Wohnung zu Wohnung immer anders gewohnt. Das ist Teil meines Charakters.Ich brauche immer Veränderung, ständigen Fortschritt, sonst wird mir fad. Wenn ich merke, dass ein Projekt fertig wird, werde ich unruhig und denke über neue Projekte nach. Das ist vielleicht ein Grund, warum ich so viel Neues ausprobiert habe.

Viele haben mich gefragt, ob ich irre bin, weil ich meinen gut bezahlten Job aufgab und mit 26 etwas Konträres zu studieren anfing.

Einige hätten mich noch lieber in einem Chemie-Studium gesehen und meinten, das sei nachvollziehbarer. Doch ich wollte das so, und was andere gut für den Lebenslauf finden, muss nicht immer gut für einen selbst sein.
Aber zurück zur Frage, natürlich gibt es sehr viel, das ich vom Studium für mich mitgenommen habe. Nicht nur von den Lehrinhalten sondern auch aus dem Organisatorischen und Zwischenmenschlichen des Uni-Alltags.

Du hast lange Zeit in einem Betrieb als Angestellte gearbeitet und bist nun selbstständig. Was waren Gründe für den Schritt in die Selbstständigkeit?

Ich wollte mich nicht mehr messen müssen mit Kollegen. Wollte für mich selbst verantwortlich sein. Ich habe den Eindruck, dass Firmen heutzutage nicht mehr diejenigen belohnen, die ihre Arbeit gut machen, sondern dass nur zählt, wer die meisten Überstunden absitzt. Ich möchte mein Leben nicht für irgendeine Firma leben, in der ich möglichst viel Zeit verbringen muss um ihr gegenüber meine Loyalität zu beweisen und wo ich mich täglich mit Dingen beschäftige, die mich nicht wirklich erfüllen. Das war definitiv ein Grund für den Schritt in die Selbstständigkeit und zuvor auch bereits der Grund für das Architekturstudium.

Ich habe hier auch nie das Gefühl, dass ich arbeiten gehe. Wenn ich von zuhause hierherkomme, dann wechsle ich einfach nur zwei Orte an denen ich gerne bin.

Und auch wenn manche Leute einem Angst machen wollen indem sie von dem ganzen Risiko reden, das man auf sich nimmt und, dass man als Selbstständiger keine Freizeit hat, wähle ich trotzdem lieber diesen Weg und mache was mir Spaß macht. Wenn ich Erfolg habe, weiß ich, dass ich mir das selbst zu verdanken habe.

TASH Living verbindet Design Store und Café

Wie hast du dich auf die Selbständigkeit vorbereitet? Wie hast du dir unternehmerisches Wissen angeeignet?
Nach meiner Sponsion ging ich zum AMS um mich dort zwischenzeitlich zu melden. Da war ich mir noch gar nicht sicher, ob ich das mit dem Shop sofort nach dem Studium machen will. Der Betreuer  fragte mich, was ich nun machen möchte, Hochbau oder Tiefbau. Und ich dachte mir nur ‚Oh mein Gott, was für eine Frage‘. Also antwortete ich, ohne viel nachzudenken, dass ich mich selbstständig machen möchte. Er empfahl mir das Unternehmensgründerprogramm (UGP) und meinte, ich bräuchte einen Businessplan um daran teilnehmen zu können. Bis zum Informationsgespräch hatte ich vier Wochen und begann somit sofort mit der Recherche und dem Businessplan – der dann auf 52 Seiten ausartete. Das war auch für mich selbst wichtig, um zu definieren, was ich genau machen will, auch wenn sonst sicher keiner den ganzen Businessplan gelesen hat.
Im Zuge der Recherche habe ich mir dann die Passantenfrequenzzahlen in Graz angesehen, Marktanalysen, Statistiken, und so weiter. Mein Freund und ich haben uns auch ähnliche Läden angesehen und mit den Leuten über ihre Erfahrungen gesprochen. Einmal hat mein Freund mit einem Schmunzeln gesagt, dass wir zum Spionieren hier sind. Kurz hat die Ladenbesitzerin verdutzt geschaut, war dann aber eigentlich sehr offen und hat uns viele Infos gegeben. Wir haben heute noch guten Kontakt zu ihr. Aber solche Sachen sollte man nicht in der Nähe des geplanten Standortes machen, da ist das Konkurrenzdenken meist zu groß. Für mich war es wichtig herauszufinden, wie lange es dauert, bis so ein Laden anläuft und welche Schwierigkeiten auf einen zukommen können.Vom Businessplan bis zur Eröffnung ist eigentlich alles sehr schnell gegangen.

Letzten Endes erfordert es aber Eigeninitiative und viel Durchhaltevermögen, weil man sich ja doch selbst um alles kümmern muss und nicht von anderen durch diese Phase durchgeführt wird.

Das Unternehmensgründerprogramm  dauert ein halbes Jahr, diese Zeit kann man nützen um alles zu organisieren.Man sollte auch immer mehrmals nachfragen, weil man vielerorts falsche oder unterschiedliche Informationen bekommt. Besonders was Förderungen und die Finanzierung anbelangt, ist es ein unendlicher Dschungel, durch den man durch muss.

Wir möchten uns herzlich für das Interview bedanken und wünschen viel Erfolg! Mehr über Nataschas Concept Store ‚Tash Living‘ erfährt ihr auf ihrer  Facebookseite

Stadt entwickeln – Rückblick

„Stadt entwickeln“, eine Veranstaltung im Forum Stadtpark im Rahmen von Architektur in Serie, fand am 20. November statt, in einer Woche, die dicht gedrängt war mit Fragen zum Thema Stadt, zur Zukunft unserer Städte und wer diese formt.

Während die Urban Future Global Conference vom 18.-19. November diese Fragen wirtschaftlich und technisch beantwortete, fragte die Urban Future Bar am 18. in einer abendlichen Reise, wie die Bewohner die Stadt prägen.

Stadt entwickeln ging von der Frage aus „Was ist dein Beitrag zur Stadt?“ und stellte (künstlerische) Projekte im öffentlichem Raum einer Lehrmeinung im Thema Städtebau in Kontrast, welche durch einen kulturanthropologischen Blick ergänzt wurden. 

Das Publikum kam in den Saloon und fand eine wirre Sessellandschaft vor. Kein Vorne und Hinten konnte ausgemacht werden, keine Bühne, kein Podium, nur Stühle die in verschiedene Richtungen standen. So verschieden, wie die Positionen zur Stadt. Der Saloon füllte sich, Sessel wurden gerückt bis nur noch Platz am  Gang war. Dann ein Zitat aus dem Buch ‚Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne‘ von Hanno Rauterberg. Die Köpfe drehten sich, die Aufmerksamkeit wurde  auf das Thema des Abends gerichtet und schon ging es los. Zunächst wurden Projekte von AkteurInnen im öffentlichen Raum vorgestellt. Nach einer Pause ging es in einer Diskussion weiter.

Der Architekt Andreas Gratl, balloon-rgw, präsentierte das Weißbuch Innenstadt, eine Studie von steirischen Klein- und Mittelstädten und die Möglichkeiten zur Belebung der Innenstädte. Die Künstlerin Nicole Pruckermayr stellte 141119_Architektur_in_Serie 004das Buch „Lücken im urbanen Raum – Forschungen über Zeit in der Stadt, untersucht an Gstettn in Graz“ vor. Christoph Wiesmayr, der sich selbst als Rurbanisten bezeichnet, stellte die Zeitschrift ‚Treibgut, das unabhängige Hafenjournal‘ vor, welches sich mit dem Hafen in Linz und seiner Nutzung auseinandersetzt.

Die Diskussionsrunde erweiterten Joost Meuwissen, Professor am Städtebauinstitut an der TU Graz und Robin Klengel, Studierender der Kulturanthropologie der KFU Graz. Stadtentwicklung ist normativ. Die Stadt muss sich entwickeln, mein Joost Meuwissen. Was bedeuten in diesem Sinn also aussterbende Innenstädte und zersiedelte Gebiete? Einfach nur Prozesse im Lauf der Geschichte? Und was tun wir dafür oder dagegen? Wie positionieren wir uns? Laut Meuwissen ist die heutige Stadtentwicklung und Stadtplanung ein Abbild der Demokratie. Der Versuch der Partizipation und die Miteinbeziehung „aller“ bei  Projekten im öffentlichem Raum, sei schwer umsetzbar. Die Legitimation von nicht durch die Politik initiierten Projekten müsse in Frage gestellt werden. Christoph Wiesmayr argumentierte, dass seine Herangehensweise sich dem rein wirtschaftlichen Denken entziehe, welches das Hafengelände in Linz bestimmt und 141119_Architektur_in_Serie 023er sich so für unzählige Tierarten einsetzt, die sich dort beheimatet haben, und ohne ihm keine Beachtung finden würden, keinen Schutz. Zeit wäre nötig sich in einem Projekt mit möglichst vielen Beteiligten und Betroffenen auseinandersetzen zu können, welche jedoch im wirtschafltichen Kontext knapp bemessen ist, könnte eine Antwort sein und einem Konservatismus Einhalt bieten, der oft wenig Veränderung und Aufschwung zulässt, meinte Robin Klengel. Weiters ruft er die Frage ins Gedächtnis, die sich dabei immer gestellt werden muss: Für wen ist der Raum?

Aus dem Publikum kam die Idee des Architekten als Bauverhinderer, im Bezug auf wachsende Umweltprobleme. Architektur birgt eine Verantwortung der Umwelt und den Menschen gegenüber. Christoph Wiesmayr und Andreas Gratl konnten sich mit dieser Idee identifizieren, schließlich gehe es auch darum, Raum zu schaffen, was bedeuten kann, etwas weg zu nehmen, anstatt zu addieren. Diese Idee brachte die Diskussion wieder zurück auf die von Nicole Pruckermayr vorgestellten Gstettn. Die Gstettn als (planbare) Freiräume, als Möglichkeitsräume, die in der Stadt benötigt werden. Für die Diskussion von Relevanz war auch die Frage: Wie verhält es sich mit den Eigentumsverhältnissen in Österreich? In einer Anekdote erzählt Professor Meuwissen, der aus Holland stammt, von der ersten Diplomarbeit, die er in Graz betreut hat. Im Rahmen des Projeks wurde ein seit 20 Jahren leerstendes Haus entdeckt, dessen Besitzverhältnisse ungeklärt waren, „So etwas würde in Holland nicht passieren“, meinte Professor Meuwissen. Das österreichische und das holländische Besitzrecht unterscheiden sich hierin und zeigen sich im Umgang mit Stadt. Man kann beobachten, dass sich im öffentlichen Raum immer öfter Elemente einer Privatisierung zeigen, merkt Robin Klengel im Bezug auf Eigentum an. Das Hinterfragen von Besitz und dem eigenen Verhältnis dazu, als Denkanstoß wie man selbst mit der Stadt umgeht, sei notwendig, war eine Wortmeldung aus dem Publikum.

141119_Architektur_in_Serie 022 141119_Architektur_in_Serie 008

Der Abend bot eine Diskussion, die immer wieder zu zwei Fragen zurück fand: Wie kann sich der Bewohner in Fragen der Stadtentwicklung einbinden? Welchen Beitrag kann man leisten? In der Diskussion wurden interessante Beiträge und Denkanstöße besprochen und debattiert.

Stadt entwickeln fand im Rahmen von Architektur in Serie statt. Architektur in Serie ist eine Veranstaltungsserie im Forum Stadtpark, die sich mit Architektur und deren Schnittmenge zu anderen Disziplinen beschäftigt. Betreut wird die Reihe von Franziska Hederer und Claudia Gerhäusser. Im Rahmen der Architektur in Serie werden KuratorInnen eingeladen, die eigenständig Themen zur Diskussion stellen.

Fotos: Forum Stadtpark

Ana Jeinic

Wir lernten Ana Jeinic bei einer Lehrveranstaltung am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften kennen, wo sie zu den Themen Landschafts-, Architektur- und Entwurfstheorie forschte. Wir sind neugierig wie sie dort hingekommen ist und was sie heute bewegt!

Ana, du hast neben der Architektur auch Philosophie studiert. Erzähl uns bitte etwas über deine Studienzeit und wie du dazu gekommen bist, diese zwei Fächer zu verbinden?
Vor etwa fünfzehn Jahren, als ich mit dem Diplomstudium an der Grazer Architekturfakultät begonnen habe, konnten die StudienanfängerInnen von vielen Lehrenden hören, dass der Zweck ihres Studiums nicht nur in der Aneignung von praktischen Kompetenzen läge – es ginge auch um die Entwicklung von allgemeinen intellektuellen und kreativen Potentialen, die einen Architekten/eine Architektin von reinen DienstleisterInnen der Baubranche unterscheiden. Zu diesem Berufsbild gehörte auch ein eher langes Studium, das vorzugsweise durch andere Erfahrungs- und Lernbereiche ergänzt werden sollte (von Praktika bei beliebten Architekturbüros und Teilnahmen an studentischen Architekturwettbewerben, über experimentelle Projekte und künstlerische Aktionen, bis zum obligatorischen Auslandssemester und dem Inskribieren anderer Studienrichtungen). Ich habe diese Möglichkeiten reichlich genutzt und diejenigen Lehrveranstaltungen der Studienrichtung Philosophie absolviert, die meine primär architektonischen Interessen erweitern und vertiefen konnten.

Wann rückte die theoretische Auseinandersetzung mit Architektur vermehrt ins Zentrum deiner Tätigkeit?
Als Studentin wollte ich keine “Theoretikerin” werden – meine Interessen lagen hauptsächlich im Bereich des Entwurfs. Es handelte sich allerdings um einen eher utopisch-experimentell verstandenen Entwurf, in den man auch philosophische, politische und künstlerische Fragestellungen und Methoden integrieren konnte.

Ich war damals (und bin immer noch) der Meinung, dass jeder Architekturentwurf, egal wie bescheiden und praktisch gedacht, über die Grenzen einer rein professionellen Planung (und auch über die Grenzen der formal-ästhetischen Fragestellungen) hinausgeht – denn wenn wir Räume entwerfen, entwerfen wir auch das Leben mit, das sich in diesen Räumen abspielen wird…

… und für “Lebensentwürfe“ gibt es keine Professionalisten und soll es auch keine geben.
Später, als ich das Studium absolviert habe, war das Feld der Architekturpraxis aber schon so eng geworden, dass es für praktizierende ArchitektInnen immer schwieriger wurde, ihre künstlerischen, sozialen, philosophischen oder anderen Interessen irgendwie in die Praxis zu integrieren. In dieser Situation habe ich in der Theorie, wie sie an den wissenschaftlichen Institutionen betrieben wird, einen kleinen, übriggebliebenen Bereich für mich entdeckt, in dem Architektur immer noch als eine kritische Denkdisziplin und nicht nur als ein konformistisches Metier verstanden wird. So bin ich nach dem Studium im wissenschaftlichen Feld gelandet, obwohl es gar nicht meine ursprüngliche Intention war.

Wie definierst du den Beruf der Architektin/des Architekten? Was verstehst du unter Architektur?
Meine Definition des architektonischen Berufs hängt mit der bereits beschriebenen Vorstellung vom Entwurf zusammen – ich verstehe unter dem Begriff Architektur jene Praxis, die auf einer kleinen Maßstabsebene künftige Räume für die Gesellschaft (und somit auch künftige Formen der Gesellschaft!) entwirft, verbildlicht und dadurch in den Bereich des Möglichen und Denkbaren übersetzt. Es ist mir bewusst, dass das nach einer sehr idealistischen und realitätsfernen Definition klingt… Aber wenn man ein Haus entwirft, tut man doch nichts anderes, als einen noch nicht existenten Raum in der eigenen Vorstellung entwickeln – einen Raum dessen Form das Zusammenleben seiner künftigen BewohnerInnen maßgeblich beeinflussen wird!

Gegenwärtig ist die Architektur allerdings so tief in den Prozessen der Zirkulation und Akkumulation des Kapitals verankert, dass für die meisten (zunehmend privaten) InvestorInnen die Rolle der ArchitektInnen ausschließlich darin besteht, die direkten oder indirekten Profite ihres baulichen Vorhabens möglichst zu erhöhen und die anfallenden Ausgaben möglichst zu minimieren…

… – das heißt, von ArchitektInnen wird in der Regel erwartet, Räume mit geringsten Baukosten und höchstem Vermarktungspotential zu entwerfen. Da selbstverständlich auch die Preise der „architektonischen Dienstleistungen“ in diese „Profit-vs.-Ausgaben-Kalkulation“ hineinfallen, werden die Honorare der ArchitektInnen zunehmend schlechter bei einer gleichzeitigen Prekarisierung ihrer Arbeitsbedingungen.
Wer in diesem Kontext als Architekt/Architektin überleben will, hat selten Zeit und Möglichkeiten dafür, die eigene Praxis durch theoretische Überlegungen zu bereichern bzw. Theorie-relevante Fragestellungen aus der Praxis abzuleiten. Folge davon ist die zunehmende Trennung von Praxis und Theorie im Bereich der Architektur, sowie eine Verschiebung der Architekturtheorie in den universitären Kontext bzw. in die Sphäre der reinen Wissenschaft. Dieser Tendenz entsprechend, waren auch die Bedingungen unter denen ich mich mit der Architekturtheorie bislang befasst habe, von dem universitär-wissenschaftlichen Kontext bestimmt – ich habe unmittelbar nach dem Studienabschluss die Stelle der Universitätsassistentin am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften bekommen und bald danach mit der Dissertation angefangen. Das was ich in meinem bisherigen Berufsleben praktiziert habe, würde ich nicht als Architektur bezeichnen – es war eher eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Architektur.

Die Tatsache, dass ich mich selbst als einen unfreiwilligen „Architekturflüchtling“ sehe – also, als jemanden, der sich vom eigentlichen Beruf nicht wegen der mangelnden Motivation, sondern wegen des gegenwärtig düsteren Zustands des Berufs entfernt hat – hat allerdings einen großen Einfluss auf die Themen, die mich in meiner architekturtheoretischen Arbeit interessieren…

… Meine Dissertation handelt z.B. genau von den Transformationen und Einschränkungen des architektonischen Entwurfs in der Ära des neoliberalen Kapitalismus und von den Möglichkeiten, diese Einschränkungen zu überwinden und damit zu einem neuen Verständnis vom Entwurf zu gelangen.

Wie sahen deine Arbeitsstrukturen an der Uni aus, welche Bereiche umfasste deine dortige Arbeit? Wie sehen sie heute aus?
Während ich als Universitätsassistentin in Graz gearbeitet habe, waren die Methoden und Rhythmen meiner Arbeit zu hohem Maße dem universitär-wissenschaftlichen Milieu angepasst. Im Vergleich zu den praktizierenden ArchitektInnen war ich in einem wesentlich geringerem Umfang auf Teamarbeit angewiesen; die thematischen Schwerpunkte meines Engagements, sowohl in der Forschung als auch in der Lehre, habe ich zum größten Teil selber gewählt; meine Tages- und Jahresrhythmen waren von der zeitlichen Struktur des universitären und wissenschaftlichen Betriebs abhängig.
Anders als ich es mir am Anfang vorgestellt habe, waren aber meine Aufgaben und Arbeitsbereiche als Universitätsassistentin genauso vielfältig und zeitlich miteinander verschränkt wie in jedem Architekturbüro: neben der Lehre und Forschung war auch Organisatorisches und Administratives zu erledigen, wobei die Forschungs- und Lehrveranstaltungsthemen selbst sehr breit aufgestellt waren.
Da ich, anderes als meine ehemaligen InstitutskollegInnen, aus einem nicht-wissenschaftlichen Milieu komme, war ich in dieser Situation oft zeitlich überfordert. Gleichzeitig war es mir, in einer vom Burnout und anderen Stress-Erscheinungen gezeichneten Arbeitswelt, immer sehr wichtig, genug Zeit für mich selbst zu haben, um eine hohe Lebensqualität, die körperliche und psychische Gesundheit zu erhalten. Diese zwei nicht immer vereinbaren Ziele – die Qualität der Forschung und Lehre einerseits und die Liebesqualität andererseits – gleichzeitig zu erreichen, war die größte Herausforderung. Nur dank dem Verständnis und der Unterstützung meiner KollegInnen und Vorgesetzten – besonders meines älteren Kollegen Daniel Gethmann und Institutsleiters Anselm Wagner – war es mir möglich dieses Ziel größtenteils zu erreichen.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich aus der fünfjährigen Erfahrung im universitären Umfeld sehr viel gelernt habe. Es war nicht zuletzt die thematische Vielfalt dieser Beschäftigung, die es mir ermöglicht hat, mein Wissen im Bereich der Architekturtheorie wesentlich zu erweitern. Eine Abwechslung habe ich aber trotzdem gebraucht, und in diesem Moment konnte ich sie mir auch leisten – nach der langen Multitasking-Phase habe ich entschieden, eine berufliche Pause zu machen und mich vorwiegend einem Projekt – meiner Dissertation – zu widmen. Das bedeutet, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, meinen Arbeitsrhythmus selbst zu bestimmen – was einerseits ein großer Vorteil ist, andererseits aber auch eine große Selbstdisziplin erfordert.
Um eine gewisse Regelmäßigkeit der Arbeitszeiten leichter zu erreichen, und nicht von Zuhause arbeiten zu müssen, habe ich einen Arbeitsraum gemietet. Es ist, genauer gesagt, ein Wohnzimmer in einer Wohnung, die ich mit einem Freund teile – für ihn ist das der Wohn- und für mich der Arbeitsraum. Obwohl ich mir während der Beschäftigung an der Universität die Arbeitsmethoden und -Themen der WissenschaftlerInnen gewissermaßen angeeignet habe, stammt mein Arbeitsstil und die Vorliebe für unkonventionelle Arbeitsräume eher aus meiner Studienzeit – genauer aus dem Zeichensaal. So arbeite ich am liebsten aus dem Sofa in einem „Büro“, das ich mit anderen Menschen, Hunden, Pflanzen und den Büchern teile, die eher auf dem Boden als in den Regalen liegen.

Foto: Olga Karlovac

Ana in ihrem Büro. Foto: Olga Karlovac

Wir bedanken uns herzlich bei Ana für das digitale Interview und die Einblicke in ihre Arbeitswelt! Wir wünschen ihr auf ihrem Sofa im Büro alles Gute! Fotos: Olga Karlovac

Stefan Peters – Studiendekan der Architekturfakultät an der TU Graz

Anders als unsere vorigen Interviewpartner hat Stefan Peters nicht Architektur studiert, sondern nähert sich dem Thema von einer anderen Seite: Er hat in Stuttgart Bauingenieurswesen studiert, ist seit 2010 Professor für Tragwerksentwurf und seit 2013 Dekan der Architekturfakultät an der TU Graz. Im HDA treffen wir uns zum Gespräch über das Berufsbild der ArchitektInnen und der Rolle die dabei die Architekturfakultät spielt.

Herr Peters, Sie haben Bauingenieurswesen studiert und arbeiten nun an einer Architekturfakultät. Hatten Sie immer schon eine Nähe zur Architektur?
Die Nähe zur Architektur hat mit meiner Promotion an der Universität Stuttgart am Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen zu tun, wo ich sechs Jahre als Assistent gearbeitet habe. Da entstand diese Nähe, viele meiner Kollegen waren und sind ArchitektInnen. Aber prinzipiell sollte man als Bauingenieur schon ein gewisses Interesse an Architektur mitbringen, schließlich ist man am Entstehungsprozess unmittelbar beteiligt.

Seit 2013 sind Sie Dekan der Architekturfakultät. Wie wird man Dekan?

Ich bin gefragt worden und habe, vereinfacht gesprochen, die Verantwortung nicht abgelehnt. Es war aber nie ein konkretes Ziel von mir.

Was sind Ihre Aufgaben?
Es geht um die Administration einer großen Institution, nicht unbedingt mein Kerngeschäft als Bauingenieur. Das beinhaltet das Organisieren von Abläufen, Budget, Personal, Räumen …

Hier ist es aus meiner Sicht von gewissem Vorteil, dass ich Bauingenieur bin, weil es die Kommunikation auf einer technischen Uni erleichtert – ich habe sowohl den Bezug zum Bauingenieurswesen als auch zur Architektur.

Die Darstellung der Fakultät nach außen hin, was wir tun, beziehungsweise auch innerhalb der TU stellt ebenfalls eine wichtige Aufgabe dar. Für alle diese Aufgaben steht ein großes Team bereit, mit dem ich zusammenarbeite.

Sehen Sie sich auch als Repräsentant der Architekturfakultät?
Ich sehe meine Rolle nicht so, dass ich definiere oder vorgebe wofür unsere Fakultät steht. Die dreizehn Institute mit ihren unterschiedlichen Fachbereichen stehen alle für sich und machen eigenständige, spannende Sachen. Mir geht es mehr darum, ideale Bedingungen für Mitarbeiter und Studierende zu schaffen, wie etwa ausreichend Arbeitsräume! Was mich dabei motiviert ist, wenn ich merke, dass das aufgebrachte Engagement zu einem positiven Ergebnis führt.

Wie gehen Sie mit Ihrem Bauingenieurs‐Background als Dekan einer Architekturfakultät um?
An erster Stelle sehe ich mich als Professor für Tragwerksentwurf, das ist meine zentrale Aufgabe. Es gibt an fast jeder Architekturfakultät einen Ingenieur der Tragwerksentwurf unterrichtet, weil es eine wichtige Teildisziplin darstellt. Man kann kein Gebäude entwerfen, ohne sich mit dem Tragwerk auseinanderzusetzen. Diese Schnittstelle belege ich in Praxis und Forschung.

Bewegen Sie sich gerne in neue Bereiche vor, sowohl in Ihrer Tätigkeit als Lehrender als auch beruflich?
Beruflich würde ich nicht unbedingt sagen, in erster Linie sehe ich mich als Bauingenieur. Aber in meiner Rolle als Hochschullehrer unterrichte und forsche ich gerne. Da bewege ich mich gerne in andere Bereiche, um Neues auszuprobieren.

Wie definieren Sie den Beruf ArchitektIn?
Ein Architekt, eine Architektin ist aus meiner Sicht in erster Linie jemand,

Ein klassischer Architekt kennt sich in einer Vielzahl von Bereichen aus, neben dem Bauingenieur übt er einen der letzten generalistischen Berufe aus.

der eine städtebauliche Struktur, ein Gebäude oder Teile davon in jeglichen Bereichen planen kann – funktional, technisch und gestalterisch.

Auf Ihrer Institutshomepage ist zu lesen ,Die integrative Lehre mit transdisziplinärem Charakter eröffnet den StudentInnen einen zukunftsorientierten Handlungsraum für die Praxis und Theorie im erweiterten Feld der Architektur‘. Was ist damit genau gemeint?
Wenn man den Master hier an der Architekturfakultät absolviert, hat man eine Bandbreite an unterschiedlichsten Schwerpunkten zur Auswahl. Man kann ein Studio am Institut für Architekturtheorie machen und sich in das Schreiben und Lesen vertiefen oder ein klassisches Entwurfsstudio oder beispielsweise an unserem Institut in einer kurzen Zeit den Umgang mit einem Roboter erlernen. Diese Bandbreite ist aus meiner Sicht einzigartig.

Gehört aus Ihrer Sicht Schreiben über Architektur zum Beruf?
Da werden sich die Geister dran scheiden. Warum nicht? Klassischerweise werden die meisten Architekten aber eher Gebäude entwerfen und planen.

Wie steht die Uni zu dazu, dass viele AbsolventInnen das Berufsfeld weiter ausdehnen und sich nicht mit der ,klassischen Weise‘ identifizieren?
Es gibt viele Richtungen in die man sich entwickeln kann.

Das Wesentliche, was man aus dem Architekturstudium mitnimmt, ist aus meiner Sicht, dass man nicht den Blick für das große Ganze verliert.

Diese Fähigkeit eröffnet vielfältige Möglichkeiten. Deshalb ist die Lehre auch so breit aufgestellt, wobei der Schwerpunkt bei uns auf der TU Graz sicher auf dem Entwerfen liegt.

Der Büroalltag entspricht aber nur zu einem geringen Teil dem, was auf der Uni gelehrt wird, gerade die entwerferischen Freiheiten, wie man sie von den Seminaren kennt, findet man als AngestellteR kaum.
Das stimmt wohl zum Teil. Ich denke aber, dass es für die Ausübung des Berufes wichtiger ist, sich eine Arbeitsweise, Selbstständigkeit und eine architektonische Haltung, die sich bis ins Detail widerspiegelt, zu erarbeiten. Wir sind eine Universität, da bekommen Studierende nicht nur konkrete Arbeitsabläufe beigebracht, da wird viel mehr vermittelt. Während meines Bauingenieurstudiums hat mir niemand die Handhabung der Rechenprogramme beigebracht, die ich später bedienen musste, aber ich kannte die Grundlagen und so wusste ich mir zu helfen.

Sie haben auch schon an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart und der Universität der Künste in Berlin gearbeitet. Wo liegen die Unterschiede im Studium im Vergleich zu einer Technischen Universität?
Jede Schule, jede Uni hat ihren eigenen Charakter, natürlich sind an einer Akademie wesentlich weniger Studierende als an einer großen Universität, manche haben einen technischen Schwerpunkt, andere einen künstlerischen. Für mein Fachgebiet gesprochen sind die Ausbildungen aber sehr ähnlich. Interessant ist, dass an den beiden genannten Fakultäten deutlich mehr Kurse im Fachbereich Tragwerkslehre absolviert werden müssen als bei uns an der TU Graz.

Zum Abschluss eine Frage, die bei (off)architecture immer wieder auftaucht. Was haben Sie von Ihrem Bauingenieurstudium mitgenommen, abgesehen von den fachlichen Kenntnissen?
Eine Besonderheit während meines Studiums in Stuttgart war sicher, dass uns vermittelt wurde, dass man sich mit der Ausbildung als Bauingenieur in einem sehr breiten Feld technischer Fragestellungen einbringen kann. Eine Tatsache, die ich ebenfalls sehr zu schätzen weiß, ist, dass uns Bauingenieuren die Gelegenheit bzw. die Aufgabe gegeben wurde, selbst zu entwerfen.

Das Interview entstand im Rahmen der Schreibwerkstatt von Eva Guttmann während des Architektursommers. Wir möchten uns herzlich bei Stefan Peters für das Interview bedanken.

Agent in the Biosphere – Markus Jeschaunig

Wir treffen uns mit Markus auf einen Kaffee und zum gemeinsamen Gespräch über Architektur, Kunst, Natur und stoßen dabei auf die untrennbaren Zusammenhänge innerhalb der Biosphäre. Im Gespräch wird uns schnell klar, dass Markus mit und für seine Arbeit lebt, viel Zeit zur Reflexion bleibt ihm nach eigenen Worten nicht. Wir folgen durchdachten Gedankengängen und bemerken nicht umhin, dass seine Arbeit nicht nur ihn begeistert.

offarchitecture: Du hast an der Kunstuniversität Linz Architektur studiert und warst davor an der Grazer Ortweinschule. Würdest du uns dazu etwas erzählen?

Markus Jeschaunig: Die Ortweinschule ist einfach ein Schmelztegel, ein Entwicklungsort für mich. Noch bevor ich wusste, wie studieren funktioniert, habe ich an der Ortweinschule Fächer in anderen Klassen gemacht, ähnlich einer Univorlesung als Mitbeleger, einfach aus Interesse über den Tellerrand hinauszuschauen. Danach bin ich an die Kunstuni Linz und habe dort Architektur studiert. Ich wollte unbedingt an eine Kunstuniversität und keine TU, das war mir damals wichtig.

Was war für dich im Studium wesentlich?

Im dritten Jahr habe ich zusammen mit 6 StudienkollegInnen eine Ausstellung im afo (Architekturforum Oberösterreich) in Linz gemacht. Wir haben ein selbst initiiertes Forschungsprojekt zum Thema ‚öffentlicher Raum‘ durchgeführt, das ‚FLAUM‘ – „ForschungsLabor öffentlicher rAUM“ hieß. Dafür haben wir eine Reise auf den Spuren des Orient Express durch Südosteuropa gemacht.
Zur Vorgeschichte: das Ganze ist aus dem Willen und Drang heraus gekommen, die ‚Stadt‘ selbst kennen lernen zu wollen. Dazu haben wir Leute aus unterschiedlichsten Disziplinen eingeladen und ein halbes Jahr Vortragsreihen außerhalb der Uni gemacht.
Dann kam die Überlegung dort hinzufahren, wo es noch ein bisschen unreglementierter ist, wo es noch gewisse Spielräume gibt. So sind wir mit dem Orient Express Richtung Istanbul gefahren und haben in zwei Städten Halt gemacht, Belgrad und Sofia.. Wir haben uns selbst ein Kartenverbot auferlegt und haben so die Städte erkundet, sind flaniert, haben Gebäude betreten und sind der Nase nach umhergeschweift…

Was mit dieser Reise begonnen hat, ist das Lernen von der Stadt. Ich wollte wissen, wie die Dinge zusammenspielen. “Das Außen der Häuser ist das Innere der Stadt“, sagte ja Jane Jakobs. Diesen Luftraum wollte ich lesen können. Da schwirrt so viel umher in diesem Raum, da sind Dresscodes drinnen, da ist Gefahr oder Sicherheit, da ist so viel zum Ablesen. Als angehender Architekt dachte ich, wenn ich Gebäude in diesem Raum planen muss, möchte ich darüber Bescheid wissen.

Das FLAUM Projekt war wie ein geistig wissenschaftliches Erwachen für mich, der Wechsel vom Hausaufgabenmacher hin zum selbstreflexiven kritischen Wesen. Die Geburt des Agenten/der ‚agency‘.

Markus Jeschaunigs Arbetsplatz: Das Printi in der Mariahilferstraße

Markus Jeschaunigs Arbeitsplatz: Das Printi in der Mariahilferstraße Foto: Printi

Wie kommt es, dass du in die Kunst gegangen bist?

In der Kunstwelt kannst du mehr als architektonische Fragestellungen bearbeiten, da gibt es keine Grenze.

Ich mache, was ich mache, wie man das nennt oder klassifizieren möchte ist mir relativ egal. Wichtig ist mir Inhalt und Aussage. Im Kunstraum kannst du Gedanken relativ schnell an die Oberfläche bringen. Die Kunst ist der letzte Freiraum, der keinen ökonomischen oder institutionellen Interessen unterliegt.

Ein freies Feld wo Kritik gedeihen und abgefeuert werden kann. Es ist möglich die Dinge einfach nur anzudeuten, oder in einer Installation zu bauen, das reicht mir schon. Ich brauche also nicht 5 Jahre an einem Gebäude zu planen, um wesentliche Aussagen zu treffen. Dinge, die ich sagen möchte, brauchen oft nicht viel, sie können meist in weniger als einen halben Jahr fertig sein. Der Rest passiert im Kopf der BetrachterInnen.

Du nennst deine Internetseite ‚Agency in Biosphere‘ und bezeichnest dich als ‚Agent in the Biosphere’. Was darf man sich darunter vorstellen?

Ich habe einen Namen für das gesucht, was ich mache. Zu Beginn dachte ich, Architektur ist es nicht wirklich, aber Kunst irgendwie auch nicht ganz. Ich habe mich gefragt, ob man meine Arbeit einem gewissen Beruf zuordnen könnte? Heute nach einigen Projekten, sehe ich das klarer.
Nehmen wir an, der Planet Erde ist mein Atelier und Arbeitsplatz. Der Raum, in dem wir gemeinsam leben, denken und handeln. Die Biosphäre als vitaler Film der sich über die Erde zieht, der Ort in dem sich das Leben entfaltet und sich unzählige Metabolismen abspielen. Doch auch die Biosphäre – im Sinne des Planeten in seiner Gesamtheit – inklusive der Atmosphäre, Hydrosphäre oder Lithosphäre.
‚agency‘ kommt aus der Soziologie und bedeutet, ein Individuum, eine Gruppe oder Institution, welches seine Umgebungsbedingungen kritisch reflektieren und aktiv darauf reagieren kann.

‚agency‘ begreife ich als Selbstlösungskompetenz von Individuen, das für unser Überleben notwendige ‚agieren‘. Dies finde ich total wichtig und es fehlt in unserer bequemen, post industriellen und zu passiv gewordenen Konsumgesellschaft.

Der ‚Agent‘ bzw. ‚Agent in the Biosphere‘ spielt natürlich auch mit dem Begriff des ‚Agenten‘ – im Sinne eines James Bond. Der ‚key agent‘ ist Initiator für kreative Prozesse, jemand, der eine leitende Funktion einnimmt. Die Schlüsselfigur, die andere Menschen inspiriert, zum mitmachen, weitermachen und selber umsetzten.

Welchen Einfluss nimmt die Architektur auf deine Arbeit?

Ich habe großen Respekt vor vielen Architektinnen und Architekten und deren Werk. Auch Pioniere, wie zum Beispiel Philippe Rahm, faszinierten mich. Aber irgendwann hat mir das nichts mehr gegeben, weil ich gemerkt habe, was mich inspiriert und interessiert, kommt nicht von ArchitektInnen. Diese Themen muss ich mir selber ergründen, zusammen mit Fachleuten. Zeitweise finde ich bei VertreterInnen der TU Graz oder dem Kunsthaus Graz ein Gesprächs-Gegenüber, um Themen wie das Denken in größeren (ökologischen) Zusammenhängen zu diskutieren. Graz ist hinsichtlich dieser – in Zukunft immer relevanter werdenden Praxis – eine ziemliche Wüste. Das ist aber auch ein großer Vorteil, weil du den ersten Wassertropfen für dich verwenden kannst. Du kannst ein Projekt schnell zum Blühen bringen in so einer Situation. Ich bin bisher nie auf den Gedanken gekommen weg zu müssen, obwohl ich nach meiner Rückkehr aus Großstädten wie Istanbul, Wien oder Zürich dachte, in Graz wird es mich nicht lange halten. Zu Orten wie der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig fahre ich ohnehin regelmäßig.

Du sagtest, Architektur inspiriert dich nicht mehr wirklich. Aber gibt es etwas, dass du aus dem Studium mitgenommen hast?

Zu Lernen, das Kritik nicht bedeutet etwas oder jemanden zu „kritisieren“. Wichtig war es, zu Lernen wie man eine Sache neutral betrachten kann.

Wie man konstruktiv sein kann und Kritik äußert, ohne jemanden zu beleidigen. Das sind essentielle Dinge, die ich aus meiner Vergangenheit heraus nicht beherrschte und erst auf der Uni lernte.

Ich erinnere mich an meine ersten Projektkritik an der Uni, wo ich dachte, die machen mich jetzt fertig. Da muss man aber umschalten, da geht es schließlich um die Sache und das Projekt und nicht um dich persönlich.

Was sind deine Mittel zur Selbstreflexion? Oder nimmst du dir die künstlerische Freiheit, das nicht tun zu müssen?

Es ist im Grunde keine Zeit gewesen für Selbstreflexion. Natürlich gab es ein gewisses Maß an Refelxion im Zuge der Arbeit meines Publikationsprojektes „Linienprojekte“, in dem es vorwiegend um mein kartografisches Werk geht.
Neben den Skizzenbüchern ist auch die Website wichtig für mich, weil es ein Arbeitsdokument ist, wo die Spuren der Arbeit verortet und beschrieben werden müssen. Zudem entsteht meine künstlerische Arbeit nicht isoliert, sie ist sehr interaktiv angelegt, wo die Wahrnehmung des Betrachters oft zu einem Teil der Arbeit wird. Das Bananengewächshaus, zum Beispiel, mach ich nicht zum Spaß, sondern als Kritik und Diskussionsbeitrag zum Diskurs über den globalen Umgang mit Energie und Ressourcen. Die Reaktionen auf das Projekt sehe ich als Bestandteil des Projektes.
Ich nenne das Studium gerne eine ‚Phase der Aufnahme‘, jetzt bin ich in einer Phase der Ausgabe. Ich habe acht Jahre lang wissbegierig und gerne studiert, gelernt und Wissen aufgesaugt. 2010 war der Revolver voll geladen mit eignen Ideen und dem Drang zum Tun. Die Skizzenbücher füllen sich stetig weiter. Ich möchte jetzt erst mal einen Grundstock an Ideen realisieren. Wenn eine Arbeit fertig ist, dann pausiere ich oft längere Zeit, weil es sehr intensiv und anstrengend ist und ich voll drin bin. Dann habe ich Zeit nachzudenken, was war das denn eigentlich?!

Eine wichtige Frage für uns ist die nach deiner Arbeitsstruktur. Bist du selbstständig oder führst du mit ‚Agency in the Biosphere‘ ein Unternehmen? Welche Auswirkungen hat das auf deine Arbeitsweise? Deinen Alltag?

Ich hab einfach die letzten drei Jahre wenig Zeit gehabt mich richtig aufzustellen. Ich bin zwar beim Finanzamt gemeldet und habe eine Steuernummer, aber auch nur deswegen, weil ich meine Rechnungen abwickeln muss. Finanzamt und WKÖ hatten zu Beginn ein ziemliches Problem meine Arbeit einzuordnen. Einmal mach ich Zeichnungen, dann baue ich etwas, dann filme ich, dann fliege ich. Ich mache aber brav meine Steuererklärung, verrechne keine Mehrwertsteuer, weil ich als Kleinunternehmer immer unter den Umsatzlimits bin. Man hat als Künstler auch den Vorteil, dass man seine Einkünfte auf mehrere Jahre umverteilen kann, sollte man in einem Jahr mehr Kunst verkaufen, was aber bei meinen Arbeiten natürlich doppelt schwierig ist und praktisch nie passiert.
Für das Bananengewächshaus hab ich eine Praktikantin, die aber ehrenamtlich mitarbeitet. Ich möchte sie die ganze Zeit einstellen, aber ich brauche ihre Hilfe noch zu unregelmäßig. Sie hat dann gesagt: ‚Markus, weißt was, ich finde das Projekt super, ich mach da jetzt einfach mal mit und wenn das vorbei ist und du noch was vom Budget über hast, können wir das bereden‘. Das nenne ich einen „Believer“. Den Begriff kenne ich vom crowd funding und beschreibt jemanden, der an das Gute in einem noch nicht realisierten Projekt glaubt und bereit ist Leistung einzubringen. Believers sind ein total wichtiger Faktor in meinen Kunstprojekten, nicht nur leistungsbezogen sondern eben auch finanziell.

Dann gibt’s noch die etwas anstrengende Sponsorensuche, das lästig sein, fragen und überzeugen von Firmen. Das frisst viel Zeit, ist mir aber wichtig, weil ich versuche genau die ‚decision makers‘, also CEOs von (Fossilenergie fressenden) Unternhemen, in meine Projekt zu involvieren, anstatt rein auf öffentliche Kulturförderung zurückzugreifen. Du musst im Grunde genommen eine große Gruppe überzeugen, um materielle und finanzielle Leistungen zusammen zu bekommen, bevor das Projekt eigentlich entwickelt ist. Dazu braucht es gute Schaubilder oder eine gute Geschichte und Überzeugungskraft. Das liegt sicher auch am eigenen Charakter und der Art wie man mit den Menschen spricht. Ich denke da bin ich stärker als meine Schaubilder.

Arbeitsplatz des 'Agent in the Biosphere' Foto: Andigo

Arbeitsplatz des ‚Agent in the Biosphere‘ Foto: Andigo

Mehr zu Markus Jeschaunig und seiner ‚Agency in Biosphere‘ und den Projekten gibt es unter agencyinbiosphere. Wir bedanken uns für das anregende Gespräch und das zur Verfügung Stellen der Bildmaterialien.

studio ASYNCHROME – Marleen Leitner und Michael Schitnig

Mit ihrer Graphic Novel ‚Niemandsräume – eine utopische Spurensuche‘ und zahlreichen Projekten u.a. in Graz und Linz sind Marleen Leitner und Michael Schitnig vom ’studio ASYNCHROME‘ zur Zeit in aller Munde. Wir trafen das junge Duo aus Graz zum Frühstück um mit ihnen über den Übergang vom Studium zur Selbständigkeit zu sprechen und wie sich ihre künstlerische Tätigkeit entwickelt hat.

Ich würde gerne mit eurer Ausbildung vor dem Architekturstudium beginnen. Welche Schule habt ihr besucht?
Marleen: Ich habe die Handelsakademie in Judenburg besucht, mit Schwerpunkt auf Betriebswirtschaft und Marketing. Danach habe ich einige Zeit in marketing-orientierten Bereichen gearbeitet, wo ich aber schnell merkte, dass ich das nicht mein ganzes Leben lang machen möchte. Daraufhin zog ich nach Graz und begann das Architekturstudium, das mich immer schon sehr gereizt hat.
Michael: Ich absolvierte das Lichtenfels Gymnasium in Graz. Danach wollte ich Kunst in Wien studieren, inskribierte mich aber auch zeitgleich für Architektur in Graz. Schlussendlich sind daraus sieben Jahre geworden, da mich der medienübergreifende Entwurfsaspekt am Studium sehr interessierte – der für mich völlig neu und dadurch sehr herausfordernd war.

Ihr habt während eurer Studienzeit nicht nur Architektur gemacht, sondern auch Photographie, Malerei, Grafik. Wie seid ihr zu einem grafischen Bezug bekommen? Eure Diplomarbeit ist ja auch grafisch orientiert.
Michael: Das Zeichnen war schon immer wesentlicher Bestandteil in unserem Tun. Wir haben auch bis ins dritte Studienjahr hinein die Pläne mit der Hand gezeichnet.

Zeichnen bringt eine große Unmittelbarkeit mit sich, da kann man nicht einfach rausscrollen wie beim Computer – jeder Strich ist eine direkte Übersetzung eines Denkprozesses.

Eine Skizze passiert fast so unmittelbar wie das Sprechen. Das Zeichnen ist ja eine der ältesten architektonischen Disziplinen und so wurde es für uns vom Kommunikationsmittel immer mehr zum künstlerischen Medium. Dabei ist es wichtig zu sehen, wie arbeiten andere Architekten / Künstler oder wie haben sie gearbeitet. Daraus entstand unser eigener Kanon an Techniken, welche wir im Comic als wichtiges architektonisch/künstlerisches Ausdrucksmedium sehr gut miteinander kombinieren können.

War das also auch ein Aneignungsprozess um euch der Architektur anzunähern?
Michael: Ja, schon. Anzunähern und in weiterer Folge eigene räumliche wie gesellschaftliche Möglichkeiten anzudenken oder zu hinterfragen.
Marleen: Wenn man vor etwas oder jemandem sitzt und versucht den Gegenstand / Ort oder Menschen zu skizzieren, ist die Wahrnehmung eine andere als im Vorbeigehen.
Indem man Gesehenes versucht zu skizzieren, werden nochmals andere Bezüge hergestellt, zur Materialität, zu Oberflächen, zu Räumen.

studio ASYNCHROME_für off architecture (2)

Ihr habt 2014 eurer Studium abgeschlossen und arbeitet seit dem selbstständig. Wie war das? Welche Entscheidungen waren relevant?
Michael: Wir wollten mit der Diplomarbeit immer etwas machen, das auch für uns weiterführend unser Beschäftigungsfeld definiert. Es war klar, dass die Diplomarbeit nichts ist, was mit der bestandenen Prüfung endet.
Marleen: Dadurch, dass wir neben dem Studium nicht nur zusätzliche Ausbildungen absolviert, sondern auch immer an unseren eigenen Projekten gearbeitet haben, war der Bereich des selbständigen Arbeitens nicht neu für uns.
Michael: Wir wollen den Fragen nachgehen: Wie positioniert sich unsere Umwelt, gebaut oder nicht, in einem gesellschaftlichen Kontext? Wo sind die Schnittstellen architektonisch wie auch künstlerisch zu finden und wie sind diese definiert? -Fragen, die, wie wir finden, heute etwas ausgeklammert werden. So sind wir auf die Utopie gekommen.
Formale Spielereien sind schön anzuschauen, aber inhaltliche, kritische Architektur ist etwas anderes und dem wollen wir uns annähern.
Aus dieser Überzeugung heraus, haben wir uns entschlossen, nach dem Studium nicht in einem Büro, sondern an unserer eigenständigen Idee weiter zu arbeiten. Unsere Selbständigkeit ist eher eine künstlerische als eine architektonische. Wir verstehen unser ’studio ASYNCHROME‘ , als Freiraum für Ideen.

Seht ihr euch also als Künstler oder als Architekten? Oder habt ihr eine eigene Bezeichnung?
Marleen: Ich würde sagen, dass ich genauso Architektin wie Künstlerin bin.
Michael: Aber nicht Künstler-Architekt, wie es Hans Hollein oder Coop Himmelb(l)au propagiert haben. So etwas wollen wir nicht sein. Bei einem Interview mit der Kleinen Zeitung wurden wir als Grenzgänger zwischen Architektur und Kunst bezeichnet, das finde ich sehr treffend für unsere Bestrebungen.
Marleen: Wir trennen in unseren Arbeiten auch das Eine nicht von dem Anderen – es ist unmittelbar verknüpft.

Ganz klar steht für uns der Inhalt und damit verbunden die formulierte Kritik, konstruktiv oder reflexiv im Vordergrund unserer Beschäftigung.

Michael: Für mich steht in all unseren Projekten ein inhaltliches Ziel im Vordergrund. Dabei ist die Bezeichnung Architektur oder Kunst nur in der zweiten Betrachtung relevant, da sie für mich Schwerpunkte markieren, die von Mal zu Mal unterschiedlichen Anteil in einem Projekt einnehmen.

Was ist vom Architekturstudium noch relevant für eure Arbeit? In einem Radiointerview habt ihr von der erlernten Selbstständigkeit im Studium gesprochen.
Marleen: Während des Studiums hatten wir die Möglichkeit, in viele Themenbereiche einzutauchen um selbst herauszufinden, mit welchen Bereichen man sich identifizieren kann und mit welchen eher weniger. Wir haben den Masterstudienplan und den Diplomstudienplan erlebt und da war es interssant am Beispiel des Entwerfens die Unterschiede in den Möglichkeiten der Herangehensweise und der Ausarbeitung zu sehen. Wie entwickeln sich Projekte, wenn man ein halbes Jahr daran arbeitet und wie, wenn sie in einem Monat komprimiert sind? Das war durchaus lehrreich.

studio ASYNCHROME_für off architecture (6)

Das Projekt im HDA, Graz

Welche Beobachtungen habt ihr dabei gemacht?
Michael: Schnelligkeit ist kein Qualitätskriterium. Um seine Werkzeuge beherrschen zu lernen braucht es Zeit. Dabei finde ich es gut, wenn man gerade am Anfang mehr Freiräume hat, oder sich diese nimmt um Ideen zu entwickeln und an diesen auch zu arbeiten. Wobei natürlich in weiterer Folge durch Beschleunigung und Komprimierung auch sehr gute Ideen entstehen können. Heute haben wir für manche Projekte nur eine Woche Zeit. Im Studium sind Projektübungen und Entwurfsseminare sehr ergebnisorientiert aufgebaut, wobei es meiner Meinung nach mehr um den Prozess gehen sollte. Man sollte Zeit haben um seine eigenen Fragestellungen zu definieren und nicht alles vorgelegt bekommen, sodass dadurch eine unreflektierte Präsentationsästhetik entsteht.
Marleen: Dadurch gleichen sich leider auch die Prozessabläufe immer weiter an. Da ich einen ganz anderen Zugang hatte durch meine Vorbildung, war für mich eine ganz zentrale Frage, wie ich beginne. Das war ein Orientierungsprozess und hat sich selbst entwickelt. Deshalb stelle ich schon in Frage, dass man vom Anfang bis zum Schluss alles vorgibt und somit die Möglichkeit zur selbstständigen Entwicklung immer weiter ausklammert.
Michael: Ein weiterer Punkt, den ich im Studium gelernt habe, ist, wie man ein Projekt entwickelt und von der ersten Idee bis zu den Details durchkonzipiert. Die Fähigkeit, Ideen bis zum Schluss durchzudenken hat mir vor dem Studium gefehlt.

Wie erging es euch bei dem Übergang vom Studium, wo es leicht ist sehr kritisch zu sein, in die Arbeitswelt, wo man Teil des Systems wird, Geld verdienen muss, um zum Beispiel Versicherungen zu bezahlen?
Michael: Geld bekommt eine unweigerlich größere Rolle. Wir sind glücklicherweise sehr schnell an Projekte gekommen, wobei es auch schwierig ist, sich mit den Projekten alleine zu finanzieren. Außerdem haben wir ein zweites Buch geplant und da braucht es andere Absicherungen, langfristige, um das zu machen. Wir hoffen also auf Förderungen und machen Projekte, unter anderem beim Steirischen Herbst und in Oslo. Man entscheidet sich für diese Unsicherheit.

Michael: Viel Freizeit bleibt nicht, auch wenn man sich das selbständige Arbeiten mit der freien Zeiteinteilung romantisch vorstellt. Man arbeitet also wahnsinnig viel für sehr wenig Geld. Aber für uns ist es eine Berufung und kein Beruf, deshalb gehen wir diese Kompromisse ein.

Marleen: Wir haben sehr genau überlegt, wie es wäre, wenn man ein fixes Einkommen durch ein Anstellungsverhältnis hätte. Jedoch würde uns die Zeit, die wir dann in einem Büro verbringen, für die Umsetzung unserer eigenen Projekte fehlen.

Eure Diplomarbeit wurde ja publiziert.

studio ASYNCHROME_für off architecture (7)

Aus der Graphic Novel ‚Niemandsräume‘

Michael: Die Idee, dass die Arbeit publiziert wird, hatten wir schon vorher, aber dass es so schnell ging, hatten wir nicht erwartet. Unser Betreuer Professor Hans Kupelwieser hat das Buchvorhaben sehr gepusht. Unsere Prüfung war an einem Dienstag und am Freitag hatten wir bereits ein Gespräch mit der Verlegerin. Beim TU Graz Verlag ist es so, dass die ‚Niemandsräume‘ als wissenschaftliche Arbeit publiziert wurde, was bedeutet, dass wir daran nichts verdienen. – ein Rückfinanzierungssystem für die Geldgeber sozusagen. Für uns war es jedoch wichtig „Niemandsräume“ zu publizieren um Wissen zu teilen und darüber diskutieren zu können. Wir sehen es auch als Teil unseres Portfolios, welches wir anderen zeigen können, um weitere Möglichkeiten für neue Projekte zu bekommen. Wir hatten im Forum Stadtpark die Buchpräsentation, vor Kurzem hatten wir ein Radiointerview in Wien und dann wurden wir zum NEXTCOMIC 2015 in Linz eingeladen, wo das Medium des Comics interdisziplinär gedacht wird. So lernten wir interessante Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen kennen, von denen wir spannende Inputs bekamen – zum Beispiel Stefano Ricci (Maler und Grafiker). Es ist ein gegenseitiges Lernen und Austauschen von Ideen.

Marleen: Wir haben gemerkt, dass bei Ideen, an denen sich unsere Meinungen nicht aneinander reiben, oft eine gewisse Tiefe fehlt. Diese Reibungen und Diskussionen sind für uns sehr wichtig um Ideen zu entwickeln. Das Reden über die eigenen Ideen ist auch etwas, das man im Studium lernt. Gedanken und Ideen in Worte fassen, Kritik annehmen und verarbeiten.
Michael: Mittlerweile sehe ich es als Bereicherung, wenn man auf Konfrontation stößt. Es ist sehr befruchtend, wenn man nicht immer einer Meinung ist. Das ist bei uns zwei auch so.

Da sind wir ja schon mitten in eurem Arbeitsalltag. Wie sieht der aus?
Michael: Einen richtigen Alltag haben wir nicht. Wir setzen uns Ziele für die Woche. Bei dem Projekt „GRAZTOPIE“ für das HDA sah der Arbeitstag zum Beispiel so aus, dass wir viel fotografierten, skizzierten und uns an den für uns interessanten Orten Inspirationen holten. Gleichzeitig recherchierten und diskutierten wir Schritt für Schritt die Konzeption des Projektes.
Marleen: Wir entwickeln unsere Projekte, ob Auftragsarbeiten oder eigene, immer in einem gesellschaftlichen oder örtlichen Kontext.

Eine sehr architektonische Herangehensweise.
Marleen: Das stimmt. Jedes Projekt ist eine neue Herausforderung, da sich die örtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge jedes Mal anders verhalten.
Michael: Für das „Feinkost Mild“ zum Beispiel wollten wir mit unseren Wandzeichnungen ganz klare Raumzonen schaffen, oder vorhandene Elemene wie z.B. die Spiegel mit in die Erzählung der Raumgrafik einbeziehen.
Marleen: Durch die Übersetzung von der Skizze bis zur finalen Zeichnung an der Wand ändern sich nicht nur die Bezüge innerhalb des Raumes, sondern auch die eigene Maßstäblichkeit im Bezug zur Zeichnung.

studio ASYNCHROME_für off architecture (4)

Das Projekt im Feinkost Mild

Ihr seid sozusagen aus dem Buch an die Wände gekommen. Könnt ihr euch vorstellen noch weiter in Richtung Architektur zu gehen – im Sinne des Bauens?
Marleen: Das kommt ganz klar auf das Projekt an. Wir schließen das beide nicht aus, halten es offen.
Michael: Die räumliche Komponente, auch bei den Zeichnungen an den Wänden, ist für mich schon sehr spannend.
Marleen: Wir überlegen, was aus der Zeichnung weiter räumlich entwickelt werden kann.
Michael: Wie kann die Zeichnung weiter in den Raum eingreifen, in einer Art Installation? Das sind immer begleitende Fragen. Wir arbeiten bei unseren Projekten immer am Modell um unsere Ideen zu verfeinern, zu überprüfen, bezüglich der Maßstäblichkeit, der Blickwinkel und so weiter.

Ihr habt ja jetzt schon viele Tipps gegeben, was das Arbeiten betrifft. Was wären zum Anschluss noch weitere für Studienanfänger?
Marleen: Eine gewisse Sturheit und Konsequenz ist wichtig, aber genauso auch die Lernbereitschaft und Offenheit gegenüber Neuem. Wenn man das Gefühl hat, dass das Studium für einen passen könnte, sollte man sich auf die Möglichkeiten der verschiedenen Institute und Gegenstände einlassen, um seine eigenen Interessenschwerpunkte herauszufinden und diese in weiterer Folge vertiefen zu können.
Michael: Stur sein würde ich neben sehr viel harter Arbeit, Übung und Durchhaltevermögen vor allem damit beschreiben: An sich selbst und das Projekt glauben.

Wir möchten uns herzlich bei Marleen und Michael vom ’studio ASYNCHROME‘ bedanken. Ihre Arbeiten können auf ihrer Homepage betrachtet werden. Aktuelle Projekte werden zur Zeit im HDA, im Saloon des Forum Stadtpark, bei den Randnotizen des Steirischen Herbst und im Feinkost Mild gezeigt. Fotos: studio ASYNCHROME

Prekär. Arbeiten. Rückblick

Bei sommerlichen Temperaturen und während des dichten Lendwirbelprogramms fand am 05.05.2015 der „Tee am Dienstag“ zum Thema „Prekär. Arbeiten.“ im Haus der Architektur in Graz statt. (off)architecture lud zur gemeinsamen Diskussion zwischen dem Podium und den Gästen ein. Idee war es, den Begriff prekär unter soziologischen, wie persönlichen Gesichtspunkten zu beleuchten. Zu Gast am Podium war Klaus Kraemer, Professor für Soziologie an der Karl Franzens Universität Graz, Daniel Bauer vom Motion Design Studio shotshotshot und Marleen Leitner vom Atelier studio ASYNCHROME. Letztere haben an der TU Graz Architektur studiert.

Daniel Bauer (Shotshotshot), Prof. Klaus Kraemer, Marleen Leitner (studio asynchrome)

Daniel Bauer (Shotshotshot), Prof. Klaus Kraemer, Marleen Leitner (studio asynchrome)

„Architekten arbeiten nicht unbedingt prekär“ stellte Professor Kraemer voran. Prekär arbeiten könne man differenzieren in „Inhalt der Arbeit“ und die „Sicherheit und finanzielle Situation“. Junge ArchitektInnen haben eine hohe Identifikation mit ihrem Berufsfeld, das heißt sie haben eine intrinsische Motivation. Dem Gegenüber stellt er als Beispiel Leiharbeiter, die berufsfremden Tätigkeiten nachgehen. ArchitektInnen seien demnach nicht prekär im Bezug auf ihr Tätigkeitsfeld zu sehen, sehr wohl aber prekär im Hinblick auf den Übergang zwischen Studium und Beruf. Während Abgänger aus anderen Studienrichtungen in ein gesichertes Arbeitsverhältnis kommen und sich über Familie und Hausbau Gedanken machen, sorgen unstete Anstellungsverhältnisse und Bezahlung innerhalb der Architekturbranche für eine erschwerte Situation für langfristige Planungen. Soziologische Studien ergaben, dass der Großteil der Männer über 35 einer stabilen Beschäftigung nachgehen. Die Zeit zwischen Studium und ca. 35 Jahre kann also als prekäre Phase gesehen werden. Frauen, gerade nach der Geburt des zweiten Kindes, gelingt nur selten eine stabile Integration in den Beruf.

„Wie viel Prekariat braucht Kreativität?“ war die überspitzte Fragestellung, mit der wir in die Diskussion und die persönlichen Sichtweisen überleiteten.

Marleen Leitner identifiziert sich voll und ganz mit ihrer Arbeit. Bereits während des Studiums haben sie und Michael Schitnig selbstständig gearbeitet und ihre Passion zum Beruf gemacht. Sie gehen dem nach, was ihnen Freude bringt und nehmen die derzeitige finanzielle Situation in Kauf, nicht nur, weil sie im Studium gelernt haben, mit wenig Geld auszukommen, sondern weil sie von ihrer Arbeit überzeugt sind. Bisher geht alles gut auf. Beide wissen aber auch, dass das nur in ihrer jetzigen ungebundenen Situation möglich ist.

Daniel Bauer war bereits während des Studiums klar, dass er sich selbstständig machen wird. Animation interessierte ihn damals schon, und mit dem aufkommen von You-Tube sah er seine Chance. Er wagte einen neuen Weg, einen Berufszweig, den es in Österreich so noch nicht gab – mit Erfolg. Er erzählt auch vom Studium und davon, wie er sich ausmalen konnte, welche Schwierigkeiten der Berufseinstieg in der Architektur mit sich bringt. Als Architekt sah er zwei Möglichkeiten: in einem renommierten Büro anfangen oder sich auf die eigenen Beine stellen. Beides malte er sich nicht rosig aus. Beliebte Büros wissen um ihren Ruf, sie bezahlen gering oder gar nicht. Sich als Architekt selbstständig zu machen, hätte bedeutet sich auf das Wettbewerbs-Lotto, wie er es nennt, einzulassen. Junge Büros machen Wettbewerb für Wettbewerb und nach fünf Jahren feiern sie womöglich einen ersten Preis.

„Quasi eine Lösung für die Thematik der Bürogründung anbietend“, kam eine Wortmeldung aus dem Publikum. Verweisend auf die Thematik des finanziellen Rückhalts und der notwenigen Netzwerke für die Gründung eines Büros, wurden die Bürokollektive, die vor einigen Jahren entstanden, angesprochen. Warum deshalb in den letzten Jahren keine neuen dazu gekommen sind, lässt wundern.

11187415_378045062383263_225963630889246865_oDie Arbeit in Architekturbüros konnte auch von einer anderen Seite betrachtet werden, der des Arbeitgebers. Jungen StudienabgängerInnen würden ihr Können und das Tätigkeitsfeld der Architektur teilweise falsch einschätzen. Sie seien zwar super im Bereich Graphik, wüssten jedoch nur wenig von Ausführungsplanung. Büros investieren in den ersten zwei bis drei Projekten, sprich fünf bis sechs Jahren in sie. Hierbei wird die finanzielle Problematik für junge ArchitektInnen wie für ihre ArbeitgeberInnen deutlich. Projektarbeit und die schwankende Auftragslage erschwert zusätzlich die Situation für Büros wie ihre MitarbeiterInnen.

Stabile Arbeitsverhältnisse in der Architektur sind vielleicht doch nicht so leicht zu erreichen, wie Professor Kraemer mit der zitierten Studie aufzeigt. Die Laufbahn von Architektinnen ist heute nicht mehr stufenweise zu sehen. ArchitektInnen arbeiten projektbezogen, so auch Büros – die Entwicklung innerhalb der Arbeit sei eher horizontal zu betrachten. ArchitektInnen würden von Projekt zu Projekt arbeiten und sich immer wieder mit neuen Themengebieten auseinandersetzen.

Wesentlich für die Diskussion war auch die Frage danach, wie es ArchitektInnen gelingt Fuß zu fassen. „Diese Frage zu beantworten, sei gar nicht so leicht zu beantworten, schließlich funktioniert Architektur nicht nach dem Marktprinzip“, so Professor Kraemer, „andere Faktoren seien ausschlaggebend“. Erfolgreichen Architekturschaffenden ist es gelungen, sich einzigartig darzustellen. Dabei 1891453_378045065716596_6972197108180000672_obenötigen sie Kenner, Kunden, die sich auch als Singulär und Einzigartig darstellen wollen. Zur Bekanntheit tragen Wettbewerbe, Auszeichnungen und Preise bei. Netzwerke spielten eine wesentliche Rolle. Diese Formen der Beurteilung durch etablierte Personen und Institutionen ermöglichen das Erweitern der Kennerschaft.

Dass die Architekturbranche nicht nach Angebot und Nachfrage funktioniert, sondern andere Faktoren, wie oben angeführt, für den Erfolg ausschlaggebend sind, führt wohl zu der prekären Anfangsphase, die u.a. durch den Wandel in der Arbeit, die projektbezogene Arbeit und – die unsichere Wirtschaftlage, (…) immer länger dauern kann. Eine Tatsache, mit der wir uns anfreunden müssen?

Ein herzliches Dankeschön an unsere Gäste, an das Publikum und an Markus Bogensberger und Karin Oberhuber vom Haus der Architektur Graz. Fotos: studio asynchrome

Prekär.Arbeiten.

Wie viel Prekariat braucht Kreativität? Ausgehend von dieser überspitzt formulierten Frage möchten wir den Zusammenhang von prekären Lebenssituationen und der persönlichen, sowie beruflichen Freiheit diskutieren. Dabei wird die fachliche, soziologische Betrachtung einer persönlichen Einschätzung der eigenen Lebenssituation gegenübergestellt, mit dem Publikum diskutiert und um neue Sichtweisen ergänzt.

Mit: Daniel Bauer (Shot Shot Shot), Studio Asynchrome und
 Klaus Kraemer (Univ. Prof. für angewandte Soziologie, KF Uni Graz)

(off) architecture lädt im Rahmen des Tee am Dienstag am 5.5 von 17:00 – 19:00 Uhr junge ArchitektInnen, ArchitekturstudentInnen und Interessierte zum Gedankenaustausch zum Thema ‘Prekär.Arbeiten.’ ein. Die Veranstaltungsort findet im HDA im Palais Thinnfeld in Graz statt. Durch den Abend führen Christina Aschauer und Lola Seibt.

Papertown – Philipp Blume

Papertown hat sich ganz dem Baumaterial Karton verschrieben. Ja, genau, Baumaterial. Damit schaffen sie  Kartonprodukte und -landschaften, die in eine andere Welt eintauchen lassen. Wir treffen den Gründer und CEO des Unternehmens, Philipp Blume in seinem Wiener Büro. Mit seinem unternehmerischen Zugang gibt er uns Einblicke in die Entwicklung von Papertown, wie ihn wirtschaftliche Überlegungen leiten und welche Rolle Architektur in  der Arbeit von Papertown spielt.

(off) architecture: Erzähl doch mal ein bisschen von dir! Du hast hier in Wien Architektur studiert, richtig?
Philipp, CEO von Papertown: Das ist richtig. Ich habe 1999 begonnen hier in Wien Architektur zu studieren. 2001 habe ich in Madrid auf der ETSAM studiert. Später habe ich ein halbes Jahr in Japan studiert, in Tokio. Seit circa sieben Jahren arbeite ich nun an meiner Diplomarbeit, die ich ständig neu verfasse und wieder auf Eis lege. Der derzeitige Stand ist, dass ich ein Opernhaus bauen werde!
Ich habe an verschiedensten Orten gearbeitet, was mir rückblickend betrachtet mehr gebracht hat als ein einfacher Bürojob. Ich habe in der Gastronomie gearbeitet, in einer Werbeagentur, als Chauffeur, alles mögliche. Vieles hat mit Service zu tun gehabt, sich auf andere Leute einstellen.

Die Wendepunkte, die für meine jetzige Arbeit die Weichen gestellt haben, waren unter anderem eine Straßentheater-Tournee, die ich 2009 mit Erika Büttner durch Südamerika gemacht habe. Da ging es unter anderem darum ein mobiles Bühnenbild aus Karton zu entwickeln.
Nachdem ich von der Tournee zurückgekommen bin, haben wir bald darauf den Singer-Songwriter-Circus gegründet und damit hat meine jetzige Tätigkeit eigentlich begonnen.

Popfest-Singer Songwriter Circus_pic by Immanuel Gfall

Popfest-Singer Songwriter Circus, Foto: Immanuel Gfall

Der Hintergrund unserer Arbeit bei Papertown liegt im Showbusiness, die Inszenierung von Sachen. Als Architekt hat mich die Inszenierung immer schon gereizt. Wie verändert sich durch Architektur die Raumwahrnehmung, wie kann man Raumkontexte neu zusammensetzen? Storytelling im Prinzip.

Es ging darum, Kulissen zu bauen, die man sehr rasch auf- und abbauen konnte und die nur minimalen Platz benötigten. Das Kulissenbauen war eigentlich eine Handwerker- und Tischlerabeit mit einem technischen Hintergrund, um die ganzen Faltungen zu berechnen und Pläne zu erstellen. Es beruhte stark auf trial and error, bis wir nach einem halben Jahr auf dem Level waren, wo ich für mich persönlich beschloss, große Sachen anzugehen. Ich wusste, dass es das ist, was ich machen wollte. Durch die Arbeit wurde mir erst richtig bewusst, was Karton für ein tolles Material ist. Es ist nicht nur sehr leicht und leicht zusammenbaubar, sondern diese Leichtigkeit auch die Folge hat, dass man sehr große, ungefährliche Sachen bauen kann, ohne dass man eine statische Abnahme braucht und so weiter.

Du hast also während des Studiums schon sehr stark skulptural entworfen und eine Geschichte in den Entwurf eingearbeitet?
Ja, das hat mich am meisten interessiert. Mich haben immer überdimensionale Sachen gereizt, wo es gar nicht so um Funktionen und dergleichen geht, sondern um die Inszenierung an sich, die einen Funktion für sich darstellt. Das war schon bei ganz frühen Projekten so.
Gerade im Design ist das Storytelling ein wichtiger Aspekt oder auch ganz banal mein Geschäftsgebaren ist eigentlich eine große Bühne. Ob ich mit einem Kunden ein Konzert bespreche und dann ein Konzept vorbereite mit den richtigen dramaturgischen Effekten, oder etwas im Theaterbereich mache, ist aus meiner Sicht eine sehr ähnliche Sache. Das sind alles Archetypen des Geschichten-Erzählens.

Architektur ist nicht so eng zu sehen, ich hab sehr viel mit transmedialen Sachen zu tun, mit Datenbankmanagement, mit Softwarelösungen, mit Inszenierungen, Mulitmedia-Art, mit Feedback, mit Interaktion, mit Realitäten, die sich verändern und weiterentwickeln. Das sind alles Wirklichkeiten aus der Architektur.

Wo kommen deine unternehmerischen Züge her? Das Architekturstudium gibt einem ziemlich wenig davon mit.
Ich musste das in einer sehr kurzen Zeit lernen, das war ein Sprung ins kalte Wasser.
Ich habe die Struktur hier zu Beginn bewusst überdimensioniert, weil es mir leichter fällt einen Erwartungshaltung aufzuspannen, auch mir selber gegenüber, und diese unter Druck zu erfüllen, anstatt mal zu sehen, wie es geht, wie es sich gut anfühlt. Das was man tut ist eben nicht nur eine Liebe, eine Hingabe, man muss auch sehr funktional denken. Wenn man versucht, sich auf das Geschäftsleben einzulassen, muss man bereit sein, sich unter seine Ideale zu stellen und auf seine Emotionen keine Rücksicht zu nehmen. Wenn ein Job fertig werden muss, weil er am nächsten Tag in die Produktion geht, dann sitzt man bis sechs in der Früh da und noch länger. Das ist eben dann nicht, weil es einem Spaß macht, sondern weil es sein muss. Das passiert auch nicht einmal, sondern das passiert ständig. Durch den entstandenen Druck beginnt man nicht so notwendige Dinge wegzuschieben und reduziert permanent auf das, was gerade noch möglich ist. Das macht einen schneller und besser, aber auch härter.

CAT-01_(c)-Stefanie-Grünberger

CAT – Foto: Stefanie-Grünberger

Im unternehmerischen gibt es ja gewisse Schritte. Wie bist du vorgegangen? Was sind deine Erfahrungen diesbezüglich?
Ich habe mich in das ganze ohne irgendeinen Background reingeschmissen, ich wollte das einfach machen. Ich wollte einfach die Ideen in meinem Kopf rauslassen. Ich will ein Umfeld schaffen, eine Maschine generieren, die mir ein Leben finanziert, dass ich das machen kann, was ich jetzt eigentlich mache.

Was meinst du mit Maschinen?
Die Maschine ist die ganze Struktur, alles was zu einem Unternehmen dazugehört. Die Personalstruktur, die Produktionsmöglichkeiten, die Kontakte zu Partnern, der Kundenstamm, das Marketing, ein Salesteam, die PR, die Entwicklung. All das soll so rund und geölt laufen, dass das System von alleine läuft, sodass ich zum Beispiel Projekte verwirklichen kann, welche als Idee vorhanden sind, aber bis dato noch nicht umsetzbar waren.

Das mag jetzt etwas überheblich klingen, aber es reicht nicht ein guter Designer zu sein, du musst ein unheimlich guter Designer sein, da du in einer Firma für kreative Prozesse nur sehr wenig Zeit hast. Für die Konzeption und das Produktionsdesign bleibt immer nur sehr wenig Zeit.

Du musst in der Lage sein unter höchstem Druck kreativ zu sein, das trainiert man im Architekturstudium auch relativ gut. Da arbeitet man ja Nächte durch und bekommt permanent Kritik und ist einem Diskurs ausgesetzt. Man ist es gewohnt mit Kritik positiv umzugehen. Die Fähigkeit sich immer wieder unter diese Kritik zu stellen, ist das A und O.

Der ganze Tag ist bei mir eigentlich mit administrativen Tätigkeiten, mit Meetings, Briefings und Trainings voll und meistens komme ich erst um sechs oder sieben Uhr abends dazu zu designen. Vor allem, wenn es auch um Teamleading geht. Dafür braucht es aus meiner Sicht auch ein gewisses Alter, damit einem auch gewisse Dinge einfach egal sind.

Ich möchte nochmal auf das unternehmerische Vorgehen zurückkommen. Die Gründungsphase, also das Start-up…
Aus meiner Sicht war von Anfang an nur ein Einzelunternehmen sinnvoll, weil es mein Drive war auf den es ankam und es auch meine Geschichte war, die ich erzählen wollte. Es gibt natürlich viele Leute, die im Gründungsprozess beteiligt waren und ohne die es auch nicht möglich gewesen wäre. Personen, die das ganze einfach mit sehr viel Hingabe begleitet haben. Am Anfang braucht man auch viel moralische Unterstützung. Daher ist es gut einen Gegenpart zu haben, der einem bestimmte Aspekte abnimmt. Es braucht ein Panoptikum an Meinungen. Man muss aber auch schauen, dass man Meinungen auch Meinungen sein lässt. Es reicht nicht gut zu sein, man muss sich ständig verbessern wollen, jeden Tag.
Wir sind sehr rasch aus dieser Start-up Phase herausgekommen. Ein Start-up waren wir vielleicht ein Jahr lang. Wir sind auch nicht an das ganze rangegangen, wie man es normalerweise macht in der Start-up Szene. Wir waren anders, wir waren direkt am arbeiten, von Anfang an. Wir haben auch irre viele Projekte mit großem Aufwand gemacht, die aber kaum Kohle gebracht haben, aber es war ein Training, welches man nicht unterschätzen darf. Diese Übung, diese Praxis ist sehr wichtig. Dieses Netzwerk, das man sich aufbaut, kann man gar nicht in seinem Wert ermessen, wenn man nach 10 Jahren zurückblickt.

Wir haben unsere eigenen Strukturen geschaffen und nicht schon vorhandene genützt. So macht man etwas einzigartiges und hat keine Konkurrenz. Wir nehmen das Material einfach bis ins Detail ernst und sehen es als Baumaterial und nicht nur als Zusatz. Wir entwickeln das soweit, dass wir nicht nur ein Projekt machen, sondern das Produkte entstehen.

Diese Firma, dass sie so rennt wie sie rennt, braucht viele Faktoren. Zum einen habe ich eine gute Ausbildung, damit ich Credibility hab um solche Sachen zu machen, dann kann ich meine Ideen vermitteln und andererseits ist es eine persönliche Einstellung, Leute auch wirklich führen zu wollen. Und natürlich die Mitarbeiter, die voll und ganz dabei sind. Jetzt ist auch gerade eine Zeit, in der diese Kreativwirtschaft von der Stadt Wien angekurbelt wird. Es ist jetzt einfach die Zeit, das zu machen und die passende Umgebung. Karton ist auch das Material dieser Zeit, da geht es nicht nur um die ökologische Nachhaltigkeit, sondern um das Thema Qualität. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen, vor zehn Jahren hätte ich das auch nicht durchgehalten.

Wie viele Angestellte hast du? Und welchen Hintergrund bringen sie mit?
Im Moment drei. Zwei fixe Angestellte, eine geringfühgig Angestellte, einen Teilzeit-Mitarbeiter und dann Freelancer. Zwar ist ein Angestelltenverhältnis oft einfacher, aber es bedeutet auch, dass du den Angestellten Arbeit garantieren musst. De facto sind wir ein Kernteam von vier Personen.
Moritz hat vor langer Zeit Philosophie studiert, Aber ich würde ihn als den klassischen Prop-Designer bezeichnen (ein Prop-Designer ist, übersetzt, ein Ausstatter für Film, Fernsehen, …). Petra hat eine Ausbildung im Scenery Design und übernimmt jetzt mehr und mehr das Furnitur Design. Julian ist gelernter Drucktechniker und der Spezialist mit Schneidemaschinen. Er ist nun bei Papertown Production Manager und kontrolliert das operative Geschehen. Für größere Jobs kenne ich zum Glück genug Leute, die immer wieder mal einen Job suchen.the-crew-of-papertown-2015_sw

Aus welchen Fehlern hast du gelernt?
Du musst lernen mehr nein als ja zu sagen, auch wenn es immer heißt say yes, yes, yes. Wenn jemand meint ‚mach mir das gratis, das wäre ein gute Werbung für euch!‘ Nein. Die Sachen haben ja ihren Wert. Man muss auch lernen, dass von den enthusiastischen Zusagen nur circa 10 Prozent wirklich was werden. Ein weiteres Prinzip ist auch, dass man nichts hinausschieben darf. Man muss Dinge sofort ansprechen. Bevor in einem Meeting nicht die Geldfrage geklärt ist, darfst du nicht aufstehen. In diesem Land ist die Einstellung sehr verbreitet, das man den Preis immer noch ein wenig drücken kann. Die Wahrnehmung, dass Qualität ihren Preis hat, ist in Deutschland zum Beispiel wesentlich stärker verbreitet. Da muss man mit den Kunden nicht so lange diskutieren, die akzeptieren den Preis eher.

Ihr designt und produziert? Wie macht ihr das?the-BETTA-TABLE-fb
Diese Doppelfunktion ist etwas seltenes, das machen nur wenige Designer. In unserem Fall ist es nicht anders möglich. Wir sind mittlerweile sehr spezialisiert in der Produktion, das könnte kaum jemand übernehmen und so bestimmen wir die Qualität und die Geschwindigkeit ist eine sehr hohe. Wir machen manchmal monatelang die Produktion und nicht in der Entwicklung von neuen Sachen, was aber wichtig ist, wenn man sich etwas aufbauen will. Das führt dazu, dass man irgendwann eine Entscheidung treffen muss.
Im Moment ist es so, dass in Produktionsstätten in Bratislava und Wien der Zuschnitt , der Teil 1 der Produktion stattfindet. Die Teile kommen dann zur Montage hier her, dem Teil 2. In Zukunft wird es eine Tochterfirma geben, die die Produktion übernimmt. Mit einem anderen Team, einer anderen Produktionsstätte und anderen Arbeitsabläufen.

Was reizt dich an dem Unternehmertum?
Diese Energie. Das ist pure Energie, alles was du tust. Es geht nicht um ein Projekt, sondern es geht darum etwas aufzubauen. Für mich ist das nicht einfach nur ein Job und ein Büro, es wird zur Berufung. Ich könnte gar keinen anderen Job mehr machen, außer ich bin so kaputt, dass ich nicht weitermachen kann. Aber solange ich in der Lage bin, werde ich das tun. Man lernt aber schon mit der Zeit, dass man manche Dinge gemütlicher angehen soll. Um wirklich professionell zu arbeiten, ist es wichtig, den Druck nicht so hoch werden zu lassen. Du machst dann die Dinge sobald sie möglich sind, sofort, ob du Lust hast oder nicht. Deshalb haben wir auch Projekte nach einer Woche erledigt gehabt, obwohl sie erst in zwei Monaten abzugeben wären.

Wie viel Unterschied besteht in der Arbeitsweise von Architekten und dir? Weil ich Architekten nach meinem Erfahrungsschatz ganz anders sehe. Weniger unternehmerisch, aber dafür mit diesem Suchen nach Idealen. Ich höre bei die ganz wenig gesellschaftlichen Anspruch raus. Was sind deine Werte?
Davon gibt es jede Menge. Ich baue etwas auf und gebe jedem einem Share davon, der bereit ist, sich da reinzuhauen und mache grundsätzlich jedem die Tür auf, der bereit ist mitzumachen. Ich fang also direkt an, bei dem was ich tun kann, bevor ich überlege, wie ich die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Bei dem Material, das ich verwende, kann man auch durchaus sagen, dass es nachhaltig ist, gerade im Vergleich zum herkömmlichen Messebau, wo du nur Müll hast. Aber das ist nicht mein Hauptinteresse. Ich mach das nicht, weil es recyclebar ist, sondern einfach weil ich Papier und Karton liebe.

Es ist das Material mit dem man eine Idee am schnellsten umsetzen kann. Das Material an sich ist eigentlich nichts wert, aber durch Gedankenkraft kannst du es aufwerten.

Du kannst aus dem Nichts etwas schaffen, was Wert hat. Ich mache aus einem Verpackungsmaterial ein hochwertiges. Das ist eine konzeptuelle Umdeutung. Wenn man so will, will ich die Welt so verändern, dass die Leute wachgerüttelt werden und sich die Frage nach Qualität und Dauerhaftigkeit stellen und warum dieser Tisch jetzt aus Holz oder Kunststoff sein muss und den ganzen Konsum hinterfragen. Ich glaube, dass das mein Beitrag für eine nachhaltigere Gesellschaft ist.

Das waren jetzt sehr leidenschaftliche Schlussworte, herzlichen Dank für das Interview, Philipp!

Mehr zum Tätigkeitsfeld von Papertown und viele schöne Beispiele von ihren Kartonprojekten findet ihr auf der Homepage https://papertownblog.wordpress.com/.  Titelbild: PF14, KM Booth 01.  Foto: Severin Dostall

earlybird – Tanja Kühberger

Wir treffen die junge Unternehmerin DI Tanja Kühberger in Wohnzimmerstimmung um über ihre Geschäftsidee zu sprechen. Tanja Kühberger (am Foto gemeinsam mit ihrem Partner Andreas Scheucher) hat in Graz und Lund Architektur studiert, während und nach dem Studium arbeitete sie in Architekturbüros. Unter anderem bei Riegler Riewe im Planungsteam für den MedCampus Graz. Ihr innerer Antrieb Abläufe zu optimieren, um sich Arbeit zu erleichtern, bewog sie im Frühjahr 2014 dazu sich selbstständig zu machen. Warum lästige Informationen und Daten händisch ändern, wenn dies der Computer für mich übernehmen? – daraus entstand earlybird ‚Mehr Zeit für Architektur‘.

(off)architecture: Du hast an der TU Graz studiert, war es schon während des Studiums so, dass du dich für Informatik interessiert hast?
Tanja Kühberger – earlybird: Vor dem Studium habe ich eine Informatikschule besucht, dort auch maturiert. Ich hatte also grundlegendes Interesse am Computer, nach der Schule hat es mich mehr gereizt, Architektur als Informatik zu studieren. Während des Studiums war es auch voll Architektur, da ist also die Informatik sehr in Vergessenheit geraten. Ich habe mich jedoch für Programme interessiert und wie ich was mit Programmen lösen kann. An der Uni hatte ich überhaupt nicht die Idee oder den Plan, in die Richtung zu gehen, die ich jetzt eingeschlagen habe.

Was ist earlybird? Du machst das nicht alleine, oder?

Der Slogan von earlybird ist: ‚Mehr Zeit für die Architektur’. Es geht in die Richtung, dass man mehr Zeit für die Projekte hat.

Also, dass man die Zeit nicht mit Arbeiten, die eigentlich nichts mit Architektur zu tun haben, verbringen muss, wie viele administrative Dinge oder das Erstellen von Listen. Man kann sich also um ein Detail kümmern oder mit der Planung. Ich möchte niemanden daran hindern, trotzdem 18 Stunden an seinem Projekt zu arbeiten. Die Zeit, die einem dann bleibt, kann man natürlich auch dafür nutzen, um einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach pünktlich Schluss zu machen. Das ist die Idee hinter earlybird. Ich habe die Firma als Einzelunternehmen gegründet, werde jedoch von meinem Partner Andi unterstützt. Es ist so, dass, wenn ich an meine Grenzen stoße, also wenn es um gröbere Programmierkonzepte geearlybird_mehr_zeit_fuer_architekturht, Andi übernimmt oder mich in der Konzeption unterstützt. Andi ist mein Freund, er ist Softwareentwickler, hat sein eigenes Unternehmen und macht Serviceprodukte.
Es gibt Projekte bei denen ich weiß, dass man sie technisch umsetzen kann, selbst würde ich wahrscheinlich aber ein halbes Jahr dafür brauchen. Wir entwickeln gemeinsam Lösungen und Andi programmiert sie dann. Wir arbeiten von zuhause aus.

Es geht also ganz konkret um Softwarelösungen im CAD-Bereich, oder?
Ein großer Bereich ist CAD. Wie nutze ich das CAD-Programm richtig? Wie nutze ich die vorhandenen Funktionen? Darüber hinaus gibt es einige Plug-Ins, die wir bereits entwickelt haben. Manchmal braucht man Plug-Ins nur für ein Projekt, weil dieses groß ist und spezielle Anforderungen hat. Es würde wochenlang dauern, dieses mit der Hand zu zeichnen. Um dem entgegen zu wirken, setze ich mich einen Tag hin, programmiere die Funktion und automatisiere. Ein Zweiter großer Bereich sind Datenbanken und Listen, Berichte und Berechnungen. Das sind z.B. Raumlisten, Raumbuch, Türlisten, Massenermittlung, Flächenberechnungen und so weiter die automatisch aus schon in den Plänen enthaltenen Daten erstellt werden.

earlybird_infografik

Die Arbeitsweise und das Angebot von earlybird.

Was sind das konkret für Plug-Ins?
Kennt ihr den MedCampus? An diesem Projekt habe ich lange gearbeitet. Wir haben ein AutoCAD Plug-In entwickelt, um das Konzept zur Fassadengestaltung von den Architekten Riegler Riewe automatisiert in die AutoCAD Zeichnung übertragen zu können. Da gibt es verschiedenfarbige Fassadenpaneele, die nach einem bestimmten Muster über die gesamte Fassade hinweg eingefärbt werden. Es spart enorm viel Zeit, stell dir vor du müsstest 40 000 Paneele mit der Hand einfärben.
Ich bin auch grundsätzlich eine große Optimiererin und mich nervt es, wenn ich drei Tage Zahlen abschreiben muss. Da setzt ich mich lieber einen Tag hin, programmiere etwas, das meine Arbeit automatisiert.
Ich hab immer neue Dinge gesucht und auch die Möglichkeit gehabt, dies bei Riegler Riewe zu machen. Das hat mir und meinen KollegInnen viel gebracht.

Wann ist das Programmieren so wichtig geworden, dass du dich entschieden hast, dein eigenes Unternehmen zu gründen? Wenn ich das richtig rausgehört hab, wusstest du schon ziemlich genau, was du anbieten willst?
Irgendwann habe ich mir gedacht, ich nenne es mal so wie ihr, das “klassische Architekturbüro-Dasein“ ist nicht so meines. Ich hab einfach das Potential gesehen in dem, was mich interessiert und was die anderen Leute nicht so sehr interessiert. Mir macht es einfach total Spaß. Das ist total wichtig, dass man Spaß an der Arbeit hat und nur dann kann man richtig gut sein darin. Nach reiflicher Überlegung war dann die Entscheidung zu sagen, das macht noch niemand in Graz, den Bedarf gibt es, ich versuch es einfach.

Zuerst war es eine Idee und dann hat sich das natürlich verfeinert und ich hab immer mehr mit KollegInnen geredet. Was wäre sinnvoll? Daraus entwickelten sich auch neue Ideen.

Ich kenne natürlich auch vom Studium viele Leute, die mich fragen: „Wie viel Zeit würde es in Anspruch nehmen so etwas zu entwickeln? Gibt es so was schon?“. Manche Dinge gibt es ja auch schon fertig, dies muss man erst mal wissen und dann wie es verwendet wird.

Wie dürfen wir es uns ein Kundengespräch vorstellen? In welcher Projektphase kommen ArchitektInnen zu dir?
Das kann man sich so vorstellen: entweder hat der Kunde schon ein konkretes Problem und möchte gerne optimieren oder automatisieren oder ich schau mir einfach die Projekte, an denen gearbeitet wird, an. Sind es große oder kleine Projekte? In welcher Planungsphase ist man? Ich biete dem Kunden einfach unterschiedliche Dinge an, von denen ich glaube, dass es Sinn macht, z.B. eine Türliste oder ein Online Raumbuch. Für diese Dinge gibt es gute Möglichkeiten aus den Daten, die man in den Plänen sowieso schon hat, Listen zu generieren. Ich schlag die Möglichkeiten den Kunden vor, die können sich diese einfach mal anschauen und entscheiden, ob sie etwas in ihrem Projekt implementieren wollen. Wesentlich ist auch, den richtigen Zeitpunkt im Projekt zu erwischen, es dauert oft vom ersten Gespräch zu dem Zeitpunkt im Projekt, in dem die Implementierung passt.

Du arbeitest seit Juni selbstständig, kannst du trotz des kurzen Zeitraums schon sagen, inwieweit dich das Architekturstudium bei deiner Arbeit beeinflusst?
Ich glaube, die Architektur ist ganz wesentlich und ich glaube, es war ganz wesentlich, Architektur selbst zu planen und dran zu arbeiten, denn nur dann kennst du die Probleme und die Arbeitsweise und was wichtig ist für ein Architekturprojekt. Ich glaube das Geschäftsmodell würde nicht funktionieren ohne den Architekturbackground. Du kannst den besten Software Entwickler hinsetzen, wenn der überhaupt nicht weiß, wie so ein Projekt abgewickelt wird, kann er nicht so gut auf das Problem eingehen. Ich bin im Moment zwar nicht mehr in der Planung tätig, für mich ist das Wissen, wie Planung abläuft, ganz wesentlich.

Du hast uns sehr gut beschrieben, was du machst. Was uns auch interessiert, wie lautet deine Berufsbezeichnung?

Ich sehe mich als Architektin im IT-Bereich. Das ist der wirkliche Knackpunkt, ohne die Architektur wäre meine Arbeit gar nicht möglich.

Berufsbezeichnung … Das, was ich mache, sehe ich als Schnittstelle zwischen Architektur und IT bzw. als Prozess-Optimierung für die Planung. Die Frage nach einem Namen ist eine schwierige.

Beschreibst du uns deinen Weg hin zum Unternehmen? Wie lange hat die Gründung beansprucht?
Augen zu und durch. Es gibt Förderungen. Ich habe zum Beispiel das Unternehmensgründungsprogramm gemacht, wo man in den ersten Monaten ein kleines Kapital bekommt, um die ersten Monate nicht ohne Einkommen zu sein. Dann gibt es zusätzlich auch noch ein paar Kurse zu Steuern und Marketing und solchen Geschichten. Das ist nicht so schlecht, das sind alles Dinge, mit denen man auf der Uni, im Architekturstudium nichts zu tun hat. Unternehmensführung, Buchhaltung und wirtschaftliche Dinge sind sehr wichtig. Nicht immer spannend, aber trotzdem wichtig. Dieses Wissen hat mir gefehlt. Für mich war es schon eine große Herausforderung sich einzulesen und herauszufinden, was ich als Selbstständiger machen muss. Aber das schafft man schon. Während des Unternehmensgründungsprogramm habe ich mich in die unterschiedlichsten Themen eingelesen. Parallel dazu hab ich schon an meiner Homepage gearbeitet und daran, welche Produkte ich anbieten will, welche Dienstleistungen.

Bei der Entscheidung dich selbständig zu machen, welche Bedeutung hatte die freie Zeiteinteilung, welche die prekären Arbeitsverhältnisse? Wie ist die Situation, wenn es um eine gerecht Entlohnung geht?
Einerseits glaubt man, dass man die große Freiheit hat. Andererseits hat man so viel zu tun, dass man gar nicht unbedingt die Zeit hat. Es braucht große Disziplin. Einmal zum Arbeiten hin- und dann wieder wegzugehen. Ich muss mich auch bemühen, dass ich genug Pausen mache, denn plötzlich ist es zwölf Uhr nachts und ich sollte eigentlich aufhören, aber ich bin gerade so drinnen. Es braucht viel Disziplin. In einem Büro ist es vielleicht einfacher zu sagen, gut, jetzt hab ich meine acht Stunden gearbeitet, jetzt lass ich den Stift fallen und gehe, ist wahrscheinlich meistens nicht der Fall, aber theoretisch. Ich hab jetzt auch noch viele Leerstunden, in denen ich viel arbeite, viel vorbereite. Ich muss Werbung machen, die Homepage betreuen, das zahlt einem einfach noch niemand. Ist halt so, das weiß man auch vorher.

Die Finanzen sind natürlich ein schwieriger Punkt, weil die Preise in der Architektur sehr niedrig sind, auch die Arbeitskräfte verdienen wenig.

Als Selbständiger zahlt man seine Sozialversicherungsabgaben, und so weiter. Abgaben, die man als Angestellter vielleicht nicht sieht, da man seinen Netto-Lohn bekommt und fertig. Man muss einen gewissen Preis verlangen, damit man überleben kann und der muss aber auch irgendwie fair sein und es muss sich für den Kunden rechnen. Das zu gestalten ist für mich natürlich eine Herausforderung. Ich hatte im Unternehmensgründungsprogramm gute Unterstützung, wie man diese Sachen berechnet. In der einen Stunde, die man verrechnet, müssen ganz viele Sachen mit hinein gerechnet werden, z.B. die Akquise. Es ist natürlich schwierig, einen für beide Seiten entsprechenden Preis auszuhandeln und zu einem guten Preis zu kommen. Bisher war dies für mich aber noch kein Problem.

Wenn jemand ein Unternehmen gründen möchte und auf dich zukommt, was würdest du ihm/ ihr mitgeben?

Was ganz wichtig ist, ist sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich nicht in einem Detail zu verlieren. Manchmal reichen auch 95 % statt 100%. Perfektionismus kostet ganz viel Zeit und Energie und die spart man besser für anderes.

Wichtig ist auch den Mut nicht zu verlieren, weiter machen, Schritt für Schritt, auch wenn es am Anfang nicht einfach ist. Das ist wie im Architekturstudium. Durchhaltevermögen erlernt man dort schon und das muss man in der Selbständigkeit weiterführen. Am Anfang hab ich gedacht, ich muss alles selbst machen, mich selbst um alles kümmern. Es macht wirklich Sinn, sich bei Dingen, mit denen man sich nicht auskennt, beraten zu lassen und einen Experten hinzu zu ziehen, auch wenn es etwas kostet. Das bringt einen so viel weiter und löst so viele Probleme, für die man selbst eine Woche sitzt und recherchiert. Zeit ist wirklich wertvoll und man hat sie nicht unendlich zur Verfügung. Wichtig ist auch auf seine Freizeit zu schauen, sich nicht zu überarbeiten, also auf die „Life-Work-Balance“. Man muss ja auch die nächsten 20 oder 30 Jahre fit sein und möchte Spaß an dem haben, was man macht und da ist es notwendig, aktiv auf die Freizeit zu schauen. Ansonsten kann ich es einfach sehr empfehlen, weil es sehr viel Spaß macht, selbst zu entscheiden, Fehler zu machen, zu sagen, das nächste Mal mach ich es anders. Es ist auch so, dass, wenn es gar nicht funktioniert, man sich etwas Neues überlegen kann, oder man kann das Geschäftsmodell anpassen und ändern, sodass es besser funktioniert.

Hilfreichen Tips und aufbauenden Worte zum Schluss. Herzlichen Dank für das Interview.

 

earlybird – Mehr Zeit für Architektur befasst sich mit der Prozessoptimierung für Architektur- und Baubabwicklung durch CAD Management, Daten Management, Individuelle IT Lösungen und Consulting. Genauere Informationen zu earlybird auf: http://www.earlybird.co.at

 Fotos: earlybird

mostlikely – Wolfgang List

Wolfgang List spricht mit einigen Studierenden als wir das Café ‘Luise im Kunsthaus’ in Graz betreten. Neben ihnen entsteht gerade eine Skulptur aus unterschiedlich geformten Papierkorpussen. Es handelt sich um die Workshop-Woche am Institut für zeitgenössische Kunst zu der Wolfgang List als Lehrender eingeladen ist. Mit Hilfe des 3D-Computerprogramms Pepakura entsteht ein raumwirksames Objekt, welches gemeinsam mit den Studierenden entwickelt wurde und gerade umsetzt wird. In einer Schachtel stapeln sich dutzende Klebstofftuben, der Plotter surrt in einer Nische des Cafés vor sich hin und unser Gespräch wird vom Klirren des Cafébetriebs begleitet. Wir sind neugierig was mostlikely macht, wie sich das Büro gebildet hat und was daraus zu lernen ist.

(off) architecture: Wolfgang, wie seid ihr zu dem gekommen, was ihr macht?
Wolfgang List, mostlikely: Wir sind ein fünfköpfiges Büro und haben bereits auf der Uni gemeinsam in einem Projektraum gearbeitet und gemeinsame Projekte entwickelt. Studiert haben wir auf der TU Wien, das war damals ein sehr offenes Studium. Ein Massenstudium, also nicht wie auf der Angewandten, oder auf der Akademie in Wien, wo es ein Klassensystem gibt. Mit mir haben 700 Leute angefangen. In so einer Situation bist du gezwungen dich zu vernetzen. Im Studium entstanden Freundschaften aber auch Zweckgemeinschaften.

Wir haben immer schon stark in Richtung Kunst und Sound Design gearbeitet.

Wir bildeten eine Gruppe von 20 Leuten und daraus sind dann einzelne Büros entstanden, die es jetzt auch noch gibt, so wie unser Büro. Es war nie so, dass Architektur unser Hauptthema war. Wir gingen immer schon in sehr viele Richtungen. Die Idee, dass man sich gemeinsam ein Büro nimmt, wo man nicht nur Architektur macht, war schon tief in uns verwurzelt. Nach der Uni haben wir uns einen gemeinsamen Raum genommen und dann unser Büro von Null an gestartet. Wir haben immer schon stark in Richtung Kunst und Sound Design gearbeitet. Robert Schwarz hat nach dem Architekturstudium Sounddesign in Berlin studiert. Ich hab immer schon Möbel designt. Maik Perfahl, mit dem gemeinsam die Lampenschirme entstanden sind, macht sehr viel 3D-Design. Bevor ich die Lampenschirme entwickelt habe, machte ich zusammen mit Mark Neuner sehr viel Architektur, also Shopdesign. Wir arbeiten drei, vier Jahre gemeinsam an gewissen Projekten und wechseln dann und arbeiten wieder in einer anderen Zusammensetzung.

Einmal sind wir in der Zeitung wegen der Architektur und ein anderes Mal wegen der Kunstinstallationen, und dann plötzlich wieder wegen der Lampenschirme.

Am Anfang war das ein Problem. Mittlerweile macht es das Ganze spannender. Wir werden dadurch auch immer interessanter für die Leute, weil wir so viel anbieten, oder eben so unterschiedliche Dinge. Einmal sind wir in der Zeitung wegen der Architektur und ein anderes Mal wegen der Kunstinstallationen, und dann plötzlich wieder wegen der Lampenschirme.

(off) architecture: Das ist ja nicht gerade der klassische Weg nach dem Studium sich selbstständig zu machen. Wie ist es euch gelungen euch zu etablieren?
Das geht nur durch Selbstausbeutung (lacht). Wir verdienen jetzt noch immer nicht wirklich viel, und das wird auch immer schwieriger.

Eine kreative Dienstleistung ist einfach zu teuer.

Die Kunden sind immer weniger gewillt für eine kreative Dienstleistung zu zahlen, weil es ein großes Angebot gibt und man die Dienstleistung auch sehr günstig bekommen kann. Da sind die Kreativen selber dran schuld. Es gibt sehr viel, das billig angeboten wird. Eine kreative Dienstleistung ist einfach zu teuer.

(off) architecture: Hat eure breite Aufstellung, eure Vielfalt an Themenbereichen einfach auch damit zu tun, marktfähig zu sein oder zu bleiben?
Ich verdiene mit den Lampenschirmen mehr als ich mit Architektur verdient habe. Das Problem an Architektur ist, dass es ein sehr altes Business ist und ein sehr Netzwerk orientiertes Business. Man sagt ja, ein junger Architekt oder eine junge Architektin ist man bis 40. Dann geht es erst richtig los. Den Zeitraum bis dahin muss du irgendwie überbrücken. Viele arbeiten in einem Büro, machen noch den Ziviltechniker und gründen erst mit 40 ihr eigenes Büro. Auch in unserem Büro haben wir gemerkt, dass die, die schon von Kindheit her die besten Netzwerke haben, auch die Architekturjobs an Land ziehen. Natürlich stellt sich dann die Frage: „Wie kann ich überleben?“ Als Selbständiger ist das Einkommen sehr fluktuierend und ein Lehrauftrag gibt eine gewisse Sicherheit. Mit dem Produktdesign ist es uns gelungen von der Architektur weg zu kommen. In der Architektur gibt es ohnehin zu wenig Aufträge. Momentan gibt es bei uns im Büro zum Teil Leute, die sehr gut vernetzt sind und Architektur machen und dann gibt es einen Teil, der macht Produktdesign. Wir sind auch alle Lehrende. Als Selbständiger ist das Einkommen sehr fluktuierend und ein Lehrauftrag gibt eine gewisse Sicherheit. Wenn du einen Tag, oder zwei Tage unterrichtest, hast du die Basics schon mal abgedeckt. Ohne die Lehraufträge wäre es sehr schwierig zu kalkulieren. Das Steuer- und Versicherungssystem in Österreich ist sehr komplex aufgebaut ist. Du kannst in einem Jahr sehr viel verdienen und zahlst die Steuern erst im nächsten Jahr, wenn du vielleicht weniger verdienst. Das ist dieses berühmte „dritte Jahr“ bei der Sozialversicherung. Das haut einen ziemlich zurück, weil man zwei Jahre keine Steuern zahlt und im dritten Jahr alles zurückzahlen muss. Aber um ein Business zu starten, dauert es viel länger als drei Jahre. Wir haben 2007 begonnen, also vor sieben Jahren.

Wir sind nur überlebensfähig, weil wir alle Einzelunternehmer sind.

Das Büro wird aber erst nach 10 Jahren so richtig laufen, das ist halt so. Du brauchst einen langen Atem und musst wissen, was für ein Büro du möchtest. Es gibt Leute, die sagen, ich will ein großes Büro haben, mit vielen Angestellten. Bei uns ist das genau umgekehrt. Wir sind nur überlebensfähig, weil wir alle Einzelunternehmer sind. Wir haben zwar eine gemeinsame Bürostruktur, sind aber jetzt keine Firma. Wir haben auch nur hin und wieder projektbezogen Praktikanten, weil die meisten von uns keine Angestellten wollen. Angestellte bedeutet große Verantwortung. Wie solltest du einen Angestellten bezahlen, wenn du dich nicht einmal selbst bezahlen kannst?!

(off) architecture: Wir haben uns über die Entstehung eurer Bürostruktur unterhalten, sie erinnert uns an den Charakter eines Co-Working Space. Wie hat sich eure Bürostruktur entwickelt? Du hast ja eure non-hierarchische Struktur angesprochen.
Eine Hierarchie geht nicht, wenn du gemeinsam ein Büro startest und das haben wir auch immer wieder ausdiskutiert. Innerhalb unseres Büros gibt es ja auch die Abspaltungen in unterschiedliche Richtungen. Wenn sich einer zum Chef entwickeln sollte, wird mit dem gebrochen, sonst würde das Büro zerfallen, da bin ich mir sicher. Es gibt auch Büros, wo man das sehr schön sehen kann was passiert wenn einer zum Chef wird.
Unsere Arbeitsstruktur war ungewöhnlich in der Zeit als wir angefangen haben. Die Kommunikation nach außen, dass wir eine Gruppe sind, war kompliziert. Es ist noch immer schwierig dies zu erklären. Jetzt gibt es Co-Working überall, aber damals war das sehr neu. Der Grund warum wir so lange überlebt haben, liegt sicher auch darin, dass, wenn es einem mal schlecht ging, er sich zwar irgendwie durchbringen musste, aber immer noch Teil des Büros war und das Büro selbst musste nicht zusperren. Diese Art zu arbeiten ist eine Überlebensstrategie.

(off) architecture: Eine andere Frage. Wie seid ihr zu den Lehraufträgen gekommen?
Derzeit machen wir Workshops und Vorträge. Unsere großen Skulpturen haben viel Aufmerksamkeit mit sich gebracht. Die erste haben wir noch selbst gebaut. Wir haben mal die Arbeitsstunden dafür ausgerechnet, das wären 70 000 € gewesen. Damals haben die Leute für uns gratis gearbeitet, weil wir unbekannt waren und jeder mitmachen wollte. Heute sind wir so bekannt, dass wir das nicht mehr machen könnten und so haben wir überlegt, wie wir diese Workforce zusammen bekommen. Wir sind an die Unis herangetreten und haben unser Know-how angeboten und im Gegenzug die angesprochene Workforce gefordert.

Wir brauchen die Unis um diese Kunstprojekte umzusetzen.

mostlikelyDas funktionierte sehr gut und mittlerweile treten die Universitäten an uns heran und fragen, ob wir was machen wollen. In dieser Skulptur, die wir hier gerade bauen, stecken 800 Stunden Arbeit. Da bauen 23 Leute 40 Stunden. Wenn man rechnen würde, dass man 10€ pro Arbeitsstunde zahlt, wären das 8000 €, bei 20 € wären es 16’000 €. Wir könnten das einfach nicht bezahlen. Wir brauchen die Unis um diese Kunstprojekte umzusetzen. Vor Kurzem haben wir eine Anfrage von einem Museum aus Israel bekommen. Da unsere Skulpturen aus Papier sind, sind sie nicht für die Ewigkeit. Die werden nach einiger Zeit einfach kaputt. Bei diesen Skulpturen geht es ja auch nicht um die Skulptur an sich, sondern um den Prozess wie sie entsteht. Deswegen bauen wir auch diese Skulptur hier im Kunsthaus und nicht in der Uni. Man soll sehen wie diese Skulptur entsteht.
Das große Thema im Design ist, wie Stühle oder Möbel entstehen. Wir suchen die Kooperation mit der Öffentlichkeit, zum Beispiel in dem wir in einem Museum gemeinsam mit der Uni bauen.

(off) architecture: Würdest du sagen, dass eure Bürokonstellation, nicht mehr so ungewöhnlich ist? Ist das eine Tendenz in der Architektur?
Heute ist es relativ normal, dass du dich als Einzelunternehmer in einer Gruppe zusammenschließt und projektbezogen kooperierst. Das ist aber nicht nur in der Architektur so, sondern in allen Kreativbereichen. Das ist die Zukunft des Arbeitens.

(off) architecture: Ist es neu, dass Architekten in andere Bereiche vordrängen?
Das war immer schon so. Architektur ist, wie ich schon gesagt habe ein sehr netzwerkorientierter Beruf, du musst, bis du für andere interessant bist, bis die Leute aus deinem Netzwerk genug Geld verdienen die Zeit irgendwie überbrücken. Entweder du arbeitest in einem anderen Büro, oder du machst etwas anderes in der Zeit vom Studium bis zu dem Zeitpunkt, wo dein Netzwerk so gewachsen ist, dass auch Aufträge rein kommen. Natürlich gibt es auch Wettbewerbe durch die man sich etablieren kann, dem stehe ich allerdings sehr kritisch gegenüber. Bedingt durch die EU muss alles ausgeschrieben werden, es gibt Wettbewerbe in denen 500 Büros mitmachen. Das macht die Teilnahme recht sinnlos. Bei Wettbewerben geht es sehr viel um Erfahrung. Wenn du in einem großen Büro gearbeitet hast, das schon viele Wettbewerbe gewonnen hat, ist das schon mal ein guter Start. Es gibt immer noch Büros, die über Wettbewerbe ihr Büro aufbauen. Wenn man einmal drinnen ist, was viel Arbeit verlangt, geht es gut. Ich verweigere mich dem.

(off) architecture: Was uns noch interessieren würde: wie siehst du dich selbst im Feld der Architektur? Wie siehst du euer Büro darin? Es entspricht ja nicht diesem klassischen Bild des Architekten.
Für mich ist Architektur recht klar definiert. Unsere Lampenschirme oder Designobjekte würde ich nicht als Architektur bezeichnen. Ich sehe da eine sehr klare Linie, es gibt einfach Architektur und es gibt Design.
Unser Büro ist sehr außergewöhnlich, weil Mark Neuner und Kurt Mühlbauer, die einen Ziviltechniker – und Ingenieurbüro haben, die Architekturprojekte machen. Wir sind auch keine klassischen Designer, sondern auch Produzenten.
Ich sehe es als ungewöhnlich, dass wir selber produzieren, das hat auch nichts mit klassischem Design zu tun. Das ist auch eine sehr neue Tendenz. Es ist jetzt eine Zeit, wo es möglich ist, selbst zu produzieren, selber zu vertreiben. Durch das Internet und durch neue Produktionsmethoden gibt es diese Möglichkeit. Dann haben wir noch einen Sounddesigner dabei, der macht sehr viel Kunst- und Soundinstallationen. Das ist sicher recht ungewöhnlich.

(off) architecture: Haben wir das richtig rausgehört, dass ihr auch bei euren Interiordesigns im Entstehungsprozess dabei seid?
Ja, genau. Alles was ich mache hat zumindest ein bisschen mit Do-it-yourself zu tun. Oft treten junge Leute, die ihr erstes Geschäft aufmachen wollen und sparen müssen, an uns heran. Sie bekommen von uns eine Entwurfsmappe, welche über das hinausgeht, was man sonst bekommt. In dieser Mappe steht wo man gewisse Stühle und Tische bekommt und zu welchem Preis. Dabei ist auch eine Anleitung, wie sie das selber einrichten und bauen können. Wir haben auch Projekte gemacht, wo wir selber gebaut haben, wo ich mit einem befreundeten Tischler die ganze Einrichtung gebaut hab. Das war aus der Not heraus, weil ich noch dazuverdienen wollte.

Am Anfang ist noch alles offen und man versucht zu überleben und wenn man später zurückblickt, merkt man, dass das Thema eigentlich klar war.

Jetzt geht es in die Richtung, dass wir den Kunden eine Bauanleitung geben und sie das selbst umsetzen können. Das Do-it-yourself ist sozusagen mein Thema. Um so länger du dich in deinem Leben mit etwas beschäftigst, umso klarer wird dir, was du machst. Umso stärker wird dein Profil und du arbeitest immer stärker in diese Richtung. Das wird jeder merken, der selbstständig ist: am Anfang ist noch alles offen und man versucht zu überleben und wenn man später zurückblickt, merkt man, dass das Thema eigentlich klar war.

lampenschirme

(off) architecture: Wenn ein Student oder eine Studentin zu dir kommen würde, die nicht in einem klassischen Architekturbüro arbeiten will, welche Einstiegstipps würdest du geben?
Wenn man selbstständig etwas aufbauen möchte, ist es das Beste gleich nach der Uni damit anzufangen. Die Ansprüche sind einfach noch niedriger, man hat kein Problem damit in einer WG zu wohnen, oder von zu Hause zu arbeiten, oder sich ein Atelier zu teilen. Man bekommt auch noch leichter Stipendien.

Wichtig ist es die Kosten so niedrig wie möglich halten und einen Polster, oder jemand der dich unterstützt, für Dürre-Phasen.

Es ist die beste Zeit um etwas auszuprobieren, und wenn nach fünf Jahren immer noch kein Licht am Ende des Tunnels ist, kann man es immer noch lassen, hat dabei viel gelernt und kann anfangen in einem Büro zu arbeiten. Das ist auch interessant. Wichtig ist es die Kosten so niedrig wie möglich halten und einen Polster, oder jemand der dich unterstützt, für Dürre-Phasen. Mich hat zum Glück meine Familie bei dem was ich mache unterstützt. Das haben sie sicher auch gemacht,, weil sie gesehen haben das etwas weitergeht. Gerade weil wir produzieren, müssen wir immer wieder viel Geld vorstecken und da braucht man Unterstützung oder einen Nebenjob. Der Nebenjob allerdings birgt die Gefahr, dass er Überhand nehmen kann. Irgendeinen Rückhalt, eine Sicherheit braucht man. Es gibt immer wieder Dürren und das dazwischen muss man irgendwie überstehen. Produziert man, ist die Kalkulation eines Preises immer ein Problem. Wenn man selbstständig ist, muss man einfach eine Ahnung von Marktwirtschaft haben.

Ich merke, dass Studenten oder Designer oft keine Ahnung von Marktwirtschaft haben, auch Architekten nicht. Es ist schockierend, das immer wieder zu sehen. Ich hab das nie gelernt, ich war nur interessiert daran und hab mir das selbst beigebracht. Wenn man selbstständig ist, muss man einfach eine Ahnung von Marktwirtschaft haben. Das fehlt eindeutig an den Unis. Der kalkulierte Preis ist irrsinnig wichtig. Wenn der Preis nicht stimmt, kommt man in eine Sackgasse. Man kann nicht expandieren. Selbst wenn man den Preis richtig kalkuliert, ist es schwierig zu verkaufen. Das habe ich bei meinen Möbeln gemerkt. Bevor ich mit den Lampenschirmen begonnen habe, produzierte ich sehr viele Möbel. Die waren aber einfach zu teuer. Auch wenn ich das Billigste vom Billigsten versucht habe, waren die Möbeln doppelt so teuer wie bei Ikea, haben aber wie Ikea-Möbel ausgeschaut.

Wie kommt ein Preis zu Stande? Warum kostet etwas so und so viel?

Als die Idee zu den Lampenschirmen kam, habe ich gemerkt, dass das etwas sein könnte, was man selbst produzieren und günstig anbieten kann. Wenn ich sie zusammengebaut verkaufen würde, könnte sich meinesgleichen das nicht leisten und so verkaufen wir sie im Bausatz. Nur so ist das möglich. Eigentlich sollten Preisberechnung und Kalkulation Basics sein, aber nicht einmal die werden beigebracht. Wir hatten zwar ein Pflichtfach, in dem wir uns mit Betriebswirtschaft auseinander gesetzt haben, aber es ging nur um Buchhaltung. Buchhaltung ist aber das erste, das man auslagert. Viel wichtiger sind aber die Basics der Marktwirtschaft: wie kommt ein Preis zu Stande? Warum kostet etwas so und so viel? Unser Lampenschirm kostet 35€ und ist eine Rolle Papier. Wenn man in Österreich produziert muss einem das klar sein. Dabei verdienen wir 10-15€ pro Lampenschirm, wo noch Materialkosten abgezogen werden. Was übrig bleibt, ist die Arbeitszeit, also 5-10€. Aber das geht. Ja, das sind eben die Basics der Marktwirtschaft. Früher war das vielleicht noch nicht so wichtig, aber heute müsste das eigentlich schon in der Schule gelehrt werden. Das gehört meiner Meinung nach zur Grundbildung, um auch weltpolitische Themen zu verstehen. Wir sind einfach schon so vernetzt.

So, jetzt muss ich wieder mal zur Skulptur schauen.

mostlikely0192-Bearbeitet

mostlikely sind Kurt Mühlbauer & Mark Neuner (Architektur), Wolfgang List (Do-It-Yourself/ Design), Michael Perfahl (3D Design) und Robert Schwarz (Sound Design). Nach dem gemeinsamen Architekturstudium an der TU Wien gründeten sie mostlikely in Wien
www.mostlikely.at

Fotos: mostlikely