Inspiration

office for civic intervention

Dorothea Hamann führte ein Interview mit OCI- Office for Civic Intervention, die sich, wie sie selbst sagen außerhalb der bestehenden, scheinbar fixen Grenzpfosten der Architektur agieren.  Das vormals „klassische“ Architekturbüro beschäftigt sich mit Bereichen, die von Umwelt, über Kunst hin zur Forschung reichen. Auf die Nachfragen wo das Büro tätig ist, kam die bedauerliche Antwort, das es sich um ein erfundenes Gespräch handelt. Bedauerlich, oder?

 
(Dorothea Hamann) Eine mobile Schule, eine Initiative für ein Stadtteilzentrum zur Kommunikation zwischen Anwohnern und lokaler Stadtplanung, ein Curriculum für einen neuartigen Universitätslehrgang oder eine Publikationsreihe zum demografischen Wandel in dünn-besiedelten Gebieten zwischen dem südlichen Burgenland und der Süd-Ost-Steiermark: mit Euren Projekten – die sich sowohl baulich manifestieren, als auch in ideengebenden oder strategischen Bereichen entwickeln – erschließt Ihr andersartige Arbeitszusammenhänge in der Architekturpraxis. Was mich besonders interessiert, sind Eure Absichten, Euer Vorgehen, vielleicht Eure Herangehensweise im Allgemeinen, die hinter den Projekten steht. Ursprünglich seid Ihr aus einem – wenn man das heute so sagen kann – traditionellen Architekturbüro hervorgegangen. Was hat Euch dazu veranlasst, die bisherige Ausrichtung zu verändern?
(Office for Civic Intervention) Im Winter 2013 hatten die ansteigenden, kritischen Temperaturen inzwischen auch den Bereich der Architektur erreicht. Bisherige Aufgabenfelder und Tätigkeitsbereiche fingen allmählich an dahin zu schmelzen. Traditionelle Bürostrukturen lösten sich immer mehr auf, auch aufgrund der quantitativ rückläufigen Bauaufgaben und der verfahrenen Wettbewerbssituation. Uns fiel eine Grafik von Martti Kalliala und Hans Park in die Hände, die dies auf eine bedrückend einprägsame Weise zeigte: die klassische Architekturpraxis als immer weiter schrumpfende Polkappe.1 Damit fing auch unsere Daseinsberechtigung an, mehr und mehr in Wasser überzugehen. Wir fragten uns, ob es nicht auch für unsere Arbeitsweise neue Horizonte gab? Wie könnte man Brücken zu anderen Bereichen schlagen? Und musste es denn unbedingt eine Brücke sein? Gab es nicht auch andere, vielleicht bereits übersehene Möglichkeiten? Wo lagen nun die potenziellen Felder von spatial practice? Wo waren sie verortet? Wo findet eine solche Praxis inklusive ihrer Akteure ihre Berechtigung?

(Dorothea Hamann) Sahen Sie diese ›Berechtigung‹ weiterhin ausschließlich im Feld der Architektur?
(OCI) Wir stellten fest, dass Zuständigkeits-und Begriffsgrenzen in der Architektur, vor allem, was den Handlungsspielraum im Bereich der bauorientierten Praxis betrifft, strikt abgesteckt sind. Einsatzmöglichkeiten schienen dauerhaft fixiert zu sein. Reglementiert. Bewacht. Kontrolliert. Akteure ohne bürokratische Qualifikationen wurden nur schwer hineingelassen, und einmal vom System vereinnahmt, kam man auch nur schwer wieder hinaus aus diesen Grenzen.
Wir beschlossen aus diesen Grenzen auszubrechen und nahmen die Hintertür: so senkten wir die Austrittsschwelle und damit auch die Eintrittsschwelle herab.
Wir lösten die bestehenden, verorteten Bürostrukturen weitgehend auf, um flexibler und eventuell auch direkter an verschiedene Orte des notwendigen Handelns zu gelangen, mit dem Ziel, über ein wechselndes Zusammenspiel unterschiedlichster Akteure und Beteiligten, Veränderungen zu bewirken.

(Dorothea Hamann) Wie könnte man nun Euren Handlungsspielraum beschreiben?
(OCI) Wir versuchen außerhalb der bestehenden, scheinbar fixen Grenzpfosten der Architektur zu agieren, sie zu unterwandern. Im Dazwischen finden wir unsere Berechtigung. Wir fungieren als Bindeglied zwischen diversen Feldern wie Umwelt und Pop, Kunst und Literatur, Bildung und Forschung, aber vor allem auch im Kommunizieren zwischen Politik, öffentlicher Planung und großen Bau-und Investorenunternehmen sehen wir unsere Handlungsabsicht. Nur durch eine Auseinandersetzung mit diesen oft übersehenen Kräften, die im Hintergrund wirken, dieser komplizierten dunklen Materie,2 können wir eine wirklich integrative Veränderung der Stadt beeinflussen. Wir stehen plötzlich einem fremdartigen Territorium gegenüber. Dafür generieren wir eine neue Rolle im vorhandenen, oftmals eingefahrenen Handlungsgeschehen. Das ermöglicht uns die Diskussion von Grund auf neu zu denken, und so, vielleicht bisher nicht gesehene Aspekte, Bedingungen und Möglichkeiten einfließen zu lassen. Einzig durch das Verändern einiger Parameter im Produktionsablauf von Architektur, verändern wir den Verlauf aller später folgenden Handlungen, und letztlich auch die Resultate. Wir erzeugen neuartige Fragestellungen, um Antworten für individuelle Orte zu finden – offen für alle Beteiligten. Wir kreieren unsere eigene Unabwendbarkeit und Daseinsberechtigung in dieser Position.

(Dorothea Hamann) Sie sprechen von einer Rolle. Wie ist diese Rolle besetzt?

(OCI) Wir sind:
— Akteure und Vermittler
— Hinweiser und Blickrichtungsveränderer
— Verweber und Umstrukturierer
— Visionäre und Prototypisten
— Rekultivierer und Wiederbeleber
— Entwickler und Erhalter
— Herausgeber und Herausnehmer
— Individualisten und Kollektivisten
— Organisatoren und Moderatoren
— Verantworter und Mitspieler
— Zuhörer und Involveure
— Berater und Befähiger
— Aufklärer und Fürsprecher
— Ausbrecher und Überschreiter

 

Bei dem Interview zwischen OCI – Office for Civic Intervention und Dorothea Hamann handelt es sich um ein rein fiktives Gespräch. Dorothea Hamann entwarf dieses Büro am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz (- akk.tugraz.at), für die Lehrveranstaltung ‚Entwurfspraktiken’, konzipiert von Christian Hoffelner. Aus den Texten der Studierenden entstand das Zine ‘Superscript; ARCHITEKTUR – Praxis Alternativ’. Informationen zum Heft und dessen Erhalt befinden sich auf ch-studio.net .

Bildmaterial: Superscript