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Stadt entwickeln – Rückblick

„Stadt entwickeln“, eine Veranstaltung im Forum Stadtpark im Rahmen von Architektur in Serie, fand am 20. November statt, in einer Woche, die dicht gedrängt war mit Fragen zum Thema Stadt, zur Zukunft unserer Städte und wer diese formt.

Während die Urban Future Global Conference vom 18.-19. November diese Fragen wirtschaftlich und technisch beantwortete, fragte die Urban Future Bar am 18. in einer abendlichen Reise, wie die Bewohner die Stadt prägen.

Stadt entwickeln ging von der Frage aus „Was ist dein Beitrag zur Stadt?“ und stellte (künstlerische) Projekte im öffentlichem Raum einer Lehrmeinung im Thema Städtebau in Kontrast, welche durch einen kulturanthropologischen Blick ergänzt wurden. 

Das Publikum kam in den Saloon und fand eine wirre Sessellandschaft vor. Kein Vorne und Hinten konnte ausgemacht werden, keine Bühne, kein Podium, nur Stühle die in verschiedene Richtungen standen. So verschieden, wie die Positionen zur Stadt. Der Saloon füllte sich, Sessel wurden gerückt bis nur noch Platz am  Gang war. Dann ein Zitat aus dem Buch ‚Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne‘ von Hanno Rauterberg. Die Köpfe drehten sich, die Aufmerksamkeit wurde  auf das Thema des Abends gerichtet und schon ging es los. Zunächst wurden Projekte von AkteurInnen im öffentlichen Raum vorgestellt. Nach einer Pause ging es in einer Diskussion weiter.

Der Architekt Andreas Gratl, balloon-rgw, präsentierte das Weißbuch Innenstadt, eine Studie von steirischen Klein- und Mittelstädten und die Möglichkeiten zur Belebung der Innenstädte. Die Künstlerin Nicole Pruckermayr stellte 141119_Architektur_in_Serie 004das Buch „Lücken im urbanen Raum – Forschungen über Zeit in der Stadt, untersucht an Gstettn in Graz“ vor. Christoph Wiesmayr, der sich selbst als Rurbanisten bezeichnet, stellte die Zeitschrift ‚Treibgut, das unabhängige Hafenjournal‘ vor, welches sich mit dem Hafen in Linz und seiner Nutzung auseinandersetzt.

Die Diskussionsrunde erweiterten Joost Meuwissen, Professor am Städtebauinstitut an der TU Graz und Robin Klengel, Studierender der Kulturanthropologie der KFU Graz. Stadtentwicklung ist normativ. Die Stadt muss sich entwickeln, mein Joost Meuwissen. Was bedeuten in diesem Sinn also aussterbende Innenstädte und zersiedelte Gebiete? Einfach nur Prozesse im Lauf der Geschichte? Und was tun wir dafür oder dagegen? Wie positionieren wir uns? Laut Meuwissen ist die heutige Stadtentwicklung und Stadtplanung ein Abbild der Demokratie. Der Versuch der Partizipation und die Miteinbeziehung „aller“ bei  Projekten im öffentlichem Raum, sei schwer umsetzbar. Die Legitimation von nicht durch die Politik initiierten Projekten müsse in Frage gestellt werden. Christoph Wiesmayr argumentierte, dass seine Herangehensweise sich dem rein wirtschaftlichen Denken entziehe, welches das Hafengelände in Linz bestimmt und 141119_Architektur_in_Serie 023er sich so für unzählige Tierarten einsetzt, die sich dort beheimatet haben, und ohne ihm keine Beachtung finden würden, keinen Schutz. Zeit wäre nötig sich in einem Projekt mit möglichst vielen Beteiligten und Betroffenen auseinandersetzen zu können, welche jedoch im wirtschafltichen Kontext knapp bemessen ist, könnte eine Antwort sein und einem Konservatismus Einhalt bieten, der oft wenig Veränderung und Aufschwung zulässt, meinte Robin Klengel. Weiters ruft er die Frage ins Gedächtnis, die sich dabei immer gestellt werden muss: Für wen ist der Raum?

Aus dem Publikum kam die Idee des Architekten als Bauverhinderer, im Bezug auf wachsende Umweltprobleme. Architektur birgt eine Verantwortung der Umwelt und den Menschen gegenüber. Christoph Wiesmayr und Andreas Gratl konnten sich mit dieser Idee identifizieren, schließlich gehe es auch darum, Raum zu schaffen, was bedeuten kann, etwas weg zu nehmen, anstatt zu addieren. Diese Idee brachte die Diskussion wieder zurück auf die von Nicole Pruckermayr vorgestellten Gstettn. Die Gstettn als (planbare) Freiräume, als Möglichkeitsräume, die in der Stadt benötigt werden. Für die Diskussion von Relevanz war auch die Frage: Wie verhält es sich mit den Eigentumsverhältnissen in Österreich? In einer Anekdote erzählt Professor Meuwissen, der aus Holland stammt, von der ersten Diplomarbeit, die er in Graz betreut hat. Im Rahmen des Projeks wurde ein seit 20 Jahren leerstendes Haus entdeckt, dessen Besitzverhältnisse ungeklärt waren, „So etwas würde in Holland nicht passieren“, meinte Professor Meuwissen. Das österreichische und das holländische Besitzrecht unterscheiden sich hierin und zeigen sich im Umgang mit Stadt. Man kann beobachten, dass sich im öffentlichen Raum immer öfter Elemente einer Privatisierung zeigen, merkt Robin Klengel im Bezug auf Eigentum an. Das Hinterfragen von Besitz und dem eigenen Verhältnis dazu, als Denkanstoß wie man selbst mit der Stadt umgeht, sei notwendig, war eine Wortmeldung aus dem Publikum.

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Der Abend bot eine Diskussion, die immer wieder zu zwei Fragen zurück fand: Wie kann sich der Bewohner in Fragen der Stadtentwicklung einbinden? Welchen Beitrag kann man leisten? In der Diskussion wurden interessante Beiträge und Denkanstöße besprochen und debattiert.

Stadt entwickeln fand im Rahmen von Architektur in Serie statt. Architektur in Serie ist eine Veranstaltungsserie im Forum Stadtpark, die sich mit Architektur und deren Schnittmenge zu anderen Disziplinen beschäftigt. Betreut wird die Reihe von Franziska Hederer und Claudia Gerhäusser. Im Rahmen der Architektur in Serie werden KuratorInnen eingeladen, die eigenständig Themen zur Diskussion stellen.

Fotos: Forum Stadtpark