Geschichten

earlybird – Tanja Kühberger

Wir treffen die junge Unternehmerin DI Tanja Kühberger in Wohnzimmerstimmung um über ihre Geschäftsidee zu sprechen. Tanja Kühberger (am Foto gemeinsam mit ihrem Partner Andreas Scheucher) hat in Graz und Lund Architektur studiert, während und nach dem Studium arbeitete sie in Architekturbüros. Unter anderem bei Riegler Riewe im Planungsteam für den MedCampus Graz. Ihr innerer Antrieb Abläufe zu optimieren, um sich Arbeit zu erleichtern, bewog sie im Frühjahr 2014 dazu sich selbstständig zu machen. Warum lästige Informationen und Daten händisch ändern, wenn dies der Computer für mich übernehmen? – daraus entstand earlybird ‚Mehr Zeit für Architektur‘.

(off)architecture: Du hast an der TU Graz studiert, war es schon während des Studiums so, dass du dich für Informatik interessiert hast?
Tanja Kühberger – earlybird: Vor dem Studium habe ich eine Informatikschule besucht, dort auch maturiert. Ich hatte also grundlegendes Interesse am Computer, nach der Schule hat es mich mehr gereizt, Architektur als Informatik zu studieren. Während des Studiums war es auch voll Architektur, da ist also die Informatik sehr in Vergessenheit geraten. Ich habe mich jedoch für Programme interessiert und wie ich was mit Programmen lösen kann. An der Uni hatte ich überhaupt nicht die Idee oder den Plan, in die Richtung zu gehen, die ich jetzt eingeschlagen habe.

Was ist earlybird? Du machst das nicht alleine, oder?

Der Slogan von earlybird ist: ‚Mehr Zeit für die Architektur’. Es geht in die Richtung, dass man mehr Zeit für die Projekte hat.

Also, dass man die Zeit nicht mit Arbeiten, die eigentlich nichts mit Architektur zu tun haben, verbringen muss, wie viele administrative Dinge oder das Erstellen von Listen. Man kann sich also um ein Detail kümmern oder mit der Planung. Ich möchte niemanden daran hindern, trotzdem 18 Stunden an seinem Projekt zu arbeiten. Die Zeit, die einem dann bleibt, kann man natürlich auch dafür nutzen, um einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach pünktlich Schluss zu machen. Das ist die Idee hinter earlybird. Ich habe die Firma als Einzelunternehmen gegründet, werde jedoch von meinem Partner Andi unterstützt. Es ist so, dass, wenn ich an meine Grenzen stoße, also wenn es um gröbere Programmierkonzepte geearlybird_mehr_zeit_fuer_architekturht, Andi übernimmt oder mich in der Konzeption unterstützt. Andi ist mein Freund, er ist Softwareentwickler, hat sein eigenes Unternehmen und macht Serviceprodukte.
Es gibt Projekte bei denen ich weiß, dass man sie technisch umsetzen kann, selbst würde ich wahrscheinlich aber ein halbes Jahr dafür brauchen. Wir entwickeln gemeinsam Lösungen und Andi programmiert sie dann. Wir arbeiten von zuhause aus.

Es geht also ganz konkret um Softwarelösungen im CAD-Bereich, oder?
Ein großer Bereich ist CAD. Wie nutze ich das CAD-Programm richtig? Wie nutze ich die vorhandenen Funktionen? Darüber hinaus gibt es einige Plug-Ins, die wir bereits entwickelt haben. Manchmal braucht man Plug-Ins nur für ein Projekt, weil dieses groß ist und spezielle Anforderungen hat. Es würde wochenlang dauern, dieses mit der Hand zu zeichnen. Um dem entgegen zu wirken, setze ich mich einen Tag hin, programmiere die Funktion und automatisiere. Ein Zweiter großer Bereich sind Datenbanken und Listen, Berichte und Berechnungen. Das sind z.B. Raumlisten, Raumbuch, Türlisten, Massenermittlung, Flächenberechnungen und so weiter die automatisch aus schon in den Plänen enthaltenen Daten erstellt werden.

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Die Arbeitsweise und das Angebot von earlybird.

Was sind das konkret für Plug-Ins?
Kennt ihr den MedCampus? An diesem Projekt habe ich lange gearbeitet. Wir haben ein AutoCAD Plug-In entwickelt, um das Konzept zur Fassadengestaltung von den Architekten Riegler Riewe automatisiert in die AutoCAD Zeichnung übertragen zu können. Da gibt es verschiedenfarbige Fassadenpaneele, die nach einem bestimmten Muster über die gesamte Fassade hinweg eingefärbt werden. Es spart enorm viel Zeit, stell dir vor du müsstest 40 000 Paneele mit der Hand einfärben.
Ich bin auch grundsätzlich eine große Optimiererin und mich nervt es, wenn ich drei Tage Zahlen abschreiben muss. Da setzt ich mich lieber einen Tag hin, programmiere etwas, das meine Arbeit automatisiert.
Ich hab immer neue Dinge gesucht und auch die Möglichkeit gehabt, dies bei Riegler Riewe zu machen. Das hat mir und meinen KollegInnen viel gebracht.

Wann ist das Programmieren so wichtig geworden, dass du dich entschieden hast, dein eigenes Unternehmen zu gründen? Wenn ich das richtig rausgehört hab, wusstest du schon ziemlich genau, was du anbieten willst?
Irgendwann habe ich mir gedacht, ich nenne es mal so wie ihr, das “klassische Architekturbüro-Dasein“ ist nicht so meines. Ich hab einfach das Potential gesehen in dem, was mich interessiert und was die anderen Leute nicht so sehr interessiert. Mir macht es einfach total Spaß. Das ist total wichtig, dass man Spaß an der Arbeit hat und nur dann kann man richtig gut sein darin. Nach reiflicher Überlegung war dann die Entscheidung zu sagen, das macht noch niemand in Graz, den Bedarf gibt es, ich versuch es einfach.

Zuerst war es eine Idee und dann hat sich das natürlich verfeinert und ich hab immer mehr mit KollegInnen geredet. Was wäre sinnvoll? Daraus entwickelten sich auch neue Ideen.

Ich kenne natürlich auch vom Studium viele Leute, die mich fragen: „Wie viel Zeit würde es in Anspruch nehmen so etwas zu entwickeln? Gibt es so was schon?“. Manche Dinge gibt es ja auch schon fertig, dies muss man erst mal wissen und dann wie es verwendet wird.

Wie dürfen wir es uns ein Kundengespräch vorstellen? In welcher Projektphase kommen ArchitektInnen zu dir?
Das kann man sich so vorstellen: entweder hat der Kunde schon ein konkretes Problem und möchte gerne optimieren oder automatisieren oder ich schau mir einfach die Projekte, an denen gearbeitet wird, an. Sind es große oder kleine Projekte? In welcher Planungsphase ist man? Ich biete dem Kunden einfach unterschiedliche Dinge an, von denen ich glaube, dass es Sinn macht, z.B. eine Türliste oder ein Online Raumbuch. Für diese Dinge gibt es gute Möglichkeiten aus den Daten, die man in den Plänen sowieso schon hat, Listen zu generieren. Ich schlag die Möglichkeiten den Kunden vor, die können sich diese einfach mal anschauen und entscheiden, ob sie etwas in ihrem Projekt implementieren wollen. Wesentlich ist auch, den richtigen Zeitpunkt im Projekt zu erwischen, es dauert oft vom ersten Gespräch zu dem Zeitpunkt im Projekt, in dem die Implementierung passt.

Du arbeitest seit Juni selbstständig, kannst du trotz des kurzen Zeitraums schon sagen, inwieweit dich das Architekturstudium bei deiner Arbeit beeinflusst?
Ich glaube, die Architektur ist ganz wesentlich und ich glaube, es war ganz wesentlich, Architektur selbst zu planen und dran zu arbeiten, denn nur dann kennst du die Probleme und die Arbeitsweise und was wichtig ist für ein Architekturprojekt. Ich glaube das Geschäftsmodell würde nicht funktionieren ohne den Architekturbackground. Du kannst den besten Software Entwickler hinsetzen, wenn der überhaupt nicht weiß, wie so ein Projekt abgewickelt wird, kann er nicht so gut auf das Problem eingehen. Ich bin im Moment zwar nicht mehr in der Planung tätig, für mich ist das Wissen, wie Planung abläuft, ganz wesentlich.

Du hast uns sehr gut beschrieben, was du machst. Was uns auch interessiert, wie lautet deine Berufsbezeichnung?

Ich sehe mich als Architektin im IT-Bereich. Das ist der wirkliche Knackpunkt, ohne die Architektur wäre meine Arbeit gar nicht möglich.

Berufsbezeichnung … Das, was ich mache, sehe ich als Schnittstelle zwischen Architektur und IT bzw. als Prozess-Optimierung für die Planung. Die Frage nach einem Namen ist eine schwierige.

Beschreibst du uns deinen Weg hin zum Unternehmen? Wie lange hat die Gründung beansprucht?
Augen zu und durch. Es gibt Förderungen. Ich habe zum Beispiel das Unternehmensgründungsprogramm gemacht, wo man in den ersten Monaten ein kleines Kapital bekommt, um die ersten Monate nicht ohne Einkommen zu sein. Dann gibt es zusätzlich auch noch ein paar Kurse zu Steuern und Marketing und solchen Geschichten. Das ist nicht so schlecht, das sind alles Dinge, mit denen man auf der Uni, im Architekturstudium nichts zu tun hat. Unternehmensführung, Buchhaltung und wirtschaftliche Dinge sind sehr wichtig. Nicht immer spannend, aber trotzdem wichtig. Dieses Wissen hat mir gefehlt. Für mich war es schon eine große Herausforderung sich einzulesen und herauszufinden, was ich als Selbstständiger machen muss. Aber das schafft man schon. Während des Unternehmensgründungsprogramm habe ich mich in die unterschiedlichsten Themen eingelesen. Parallel dazu hab ich schon an meiner Homepage gearbeitet und daran, welche Produkte ich anbieten will, welche Dienstleistungen.

Bei der Entscheidung dich selbständig zu machen, welche Bedeutung hatte die freie Zeiteinteilung, welche die prekären Arbeitsverhältnisse? Wie ist die Situation, wenn es um eine gerecht Entlohnung geht?
Einerseits glaubt man, dass man die große Freiheit hat. Andererseits hat man so viel zu tun, dass man gar nicht unbedingt die Zeit hat. Es braucht große Disziplin. Einmal zum Arbeiten hin- und dann wieder wegzugehen. Ich muss mich auch bemühen, dass ich genug Pausen mache, denn plötzlich ist es zwölf Uhr nachts und ich sollte eigentlich aufhören, aber ich bin gerade so drinnen. Es braucht viel Disziplin. In einem Büro ist es vielleicht einfacher zu sagen, gut, jetzt hab ich meine acht Stunden gearbeitet, jetzt lass ich den Stift fallen und gehe, ist wahrscheinlich meistens nicht der Fall, aber theoretisch. Ich hab jetzt auch noch viele Leerstunden, in denen ich viel arbeite, viel vorbereite. Ich muss Werbung machen, die Homepage betreuen, das zahlt einem einfach noch niemand. Ist halt so, das weiß man auch vorher.

Die Finanzen sind natürlich ein schwieriger Punkt, weil die Preise in der Architektur sehr niedrig sind, auch die Arbeitskräfte verdienen wenig.

Als Selbständiger zahlt man seine Sozialversicherungsabgaben, und so weiter. Abgaben, die man als Angestellter vielleicht nicht sieht, da man seinen Netto-Lohn bekommt und fertig. Man muss einen gewissen Preis verlangen, damit man überleben kann und der muss aber auch irgendwie fair sein und es muss sich für den Kunden rechnen. Das zu gestalten ist für mich natürlich eine Herausforderung. Ich hatte im Unternehmensgründungsprogramm gute Unterstützung, wie man diese Sachen berechnet. In der einen Stunde, die man verrechnet, müssen ganz viele Sachen mit hinein gerechnet werden, z.B. die Akquise. Es ist natürlich schwierig, einen für beide Seiten entsprechenden Preis auszuhandeln und zu einem guten Preis zu kommen. Bisher war dies für mich aber noch kein Problem.

Wenn jemand ein Unternehmen gründen möchte und auf dich zukommt, was würdest du ihm/ ihr mitgeben?

Was ganz wichtig ist, ist sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich nicht in einem Detail zu verlieren. Manchmal reichen auch 95 % statt 100%. Perfektionismus kostet ganz viel Zeit und Energie und die spart man besser für anderes.

Wichtig ist auch den Mut nicht zu verlieren, weiter machen, Schritt für Schritt, auch wenn es am Anfang nicht einfach ist. Das ist wie im Architekturstudium. Durchhaltevermögen erlernt man dort schon und das muss man in der Selbständigkeit weiterführen. Am Anfang hab ich gedacht, ich muss alles selbst machen, mich selbst um alles kümmern. Es macht wirklich Sinn, sich bei Dingen, mit denen man sich nicht auskennt, beraten zu lassen und einen Experten hinzu zu ziehen, auch wenn es etwas kostet. Das bringt einen so viel weiter und löst so viele Probleme, für die man selbst eine Woche sitzt und recherchiert. Zeit ist wirklich wertvoll und man hat sie nicht unendlich zur Verfügung. Wichtig ist auch auf seine Freizeit zu schauen, sich nicht zu überarbeiten, also auf die „Life-Work-Balance“. Man muss ja auch die nächsten 20 oder 30 Jahre fit sein und möchte Spaß an dem haben, was man macht und da ist es notwendig, aktiv auf die Freizeit zu schauen. Ansonsten kann ich es einfach sehr empfehlen, weil es sehr viel Spaß macht, selbst zu entscheiden, Fehler zu machen, zu sagen, das nächste Mal mach ich es anders. Es ist auch so, dass, wenn es gar nicht funktioniert, man sich etwas Neues überlegen kann, oder man kann das Geschäftsmodell anpassen und ändern, sodass es besser funktioniert.

Hilfreichen Tips und aufbauenden Worte zum Schluss. Herzlichen Dank für das Interview.

 

earlybird – Mehr Zeit für Architektur befasst sich mit der Prozessoptimierung für Architektur- und Baubabwicklung durch CAD Management, Daten Management, Individuelle IT Lösungen und Consulting. Genauere Informationen zu earlybird auf: http://www.earlybird.co.at

 Fotos: earlybird