Geschichten

Papertown – Philipp Blume

Papertown hat sich ganz dem Baumaterial Karton verschrieben. Ja, genau, Baumaterial. Damit schaffen sie  Kartonprodukte und -landschaften, die in eine andere Welt eintauchen lassen. Wir treffen den Gründer und CEO des Unternehmens, Philipp Blume in seinem Wiener Büro. Mit seinem unternehmerischen Zugang gibt er uns Einblicke in die Entwicklung von Papertown, wie ihn wirtschaftliche Überlegungen leiten und welche Rolle Architektur in  der Arbeit von Papertown spielt.

(off) architecture: Erzähl doch mal ein bisschen von dir! Du hast hier in Wien Architektur studiert, richtig?
Philipp, CEO von Papertown: Das ist richtig. Ich habe 1999 begonnen hier in Wien Architektur zu studieren. 2001 habe ich in Madrid auf der ETSAM studiert. Später habe ich ein halbes Jahr in Japan studiert, in Tokio. Seit circa sieben Jahren arbeite ich nun an meiner Diplomarbeit, die ich ständig neu verfasse und wieder auf Eis lege. Der derzeitige Stand ist, dass ich ein Opernhaus bauen werde!
Ich habe an verschiedensten Orten gearbeitet, was mir rückblickend betrachtet mehr gebracht hat als ein einfacher Bürojob. Ich habe in der Gastronomie gearbeitet, in einer Werbeagentur, als Chauffeur, alles mögliche. Vieles hat mit Service zu tun gehabt, sich auf andere Leute einstellen.

Die Wendepunkte, die für meine jetzige Arbeit die Weichen gestellt haben, waren unter anderem eine Straßentheater-Tournee, die ich 2009 mit Erika Büttner durch Südamerika gemacht habe. Da ging es unter anderem darum ein mobiles Bühnenbild aus Karton zu entwickeln.
Nachdem ich von der Tournee zurückgekommen bin, haben wir bald darauf den Singer-Songwriter-Circus gegründet und damit hat meine jetzige Tätigkeit eigentlich begonnen.

Popfest-Singer Songwriter Circus_pic by Immanuel Gfall

Popfest-Singer Songwriter Circus, Foto: Immanuel Gfall

Der Hintergrund unserer Arbeit bei Papertown liegt im Showbusiness, die Inszenierung von Sachen. Als Architekt hat mich die Inszenierung immer schon gereizt. Wie verändert sich durch Architektur die Raumwahrnehmung, wie kann man Raumkontexte neu zusammensetzen? Storytelling im Prinzip.

Es ging darum, Kulissen zu bauen, die man sehr rasch auf- und abbauen konnte und die nur minimalen Platz benötigten. Das Kulissenbauen war eigentlich eine Handwerker- und Tischlerabeit mit einem technischen Hintergrund, um die ganzen Faltungen zu berechnen und Pläne zu erstellen. Es beruhte stark auf trial and error, bis wir nach einem halben Jahr auf dem Level waren, wo ich für mich persönlich beschloss, große Sachen anzugehen. Ich wusste, dass es das ist, was ich machen wollte. Durch die Arbeit wurde mir erst richtig bewusst, was Karton für ein tolles Material ist. Es ist nicht nur sehr leicht und leicht zusammenbaubar, sondern diese Leichtigkeit auch die Folge hat, dass man sehr große, ungefährliche Sachen bauen kann, ohne dass man eine statische Abnahme braucht und so weiter.

Du hast also während des Studiums schon sehr stark skulptural entworfen und eine Geschichte in den Entwurf eingearbeitet?
Ja, das hat mich am meisten interessiert. Mich haben immer überdimensionale Sachen gereizt, wo es gar nicht so um Funktionen und dergleichen geht, sondern um die Inszenierung an sich, die einen Funktion für sich darstellt. Das war schon bei ganz frühen Projekten so.
Gerade im Design ist das Storytelling ein wichtiger Aspekt oder auch ganz banal mein Geschäftsgebaren ist eigentlich eine große Bühne. Ob ich mit einem Kunden ein Konzert bespreche und dann ein Konzept vorbereite mit den richtigen dramaturgischen Effekten, oder etwas im Theaterbereich mache, ist aus meiner Sicht eine sehr ähnliche Sache. Das sind alles Archetypen des Geschichten-Erzählens.

Architektur ist nicht so eng zu sehen, ich hab sehr viel mit transmedialen Sachen zu tun, mit Datenbankmanagement, mit Softwarelösungen, mit Inszenierungen, Mulitmedia-Art, mit Feedback, mit Interaktion, mit Realitäten, die sich verändern und weiterentwickeln. Das sind alles Wirklichkeiten aus der Architektur.

Wo kommen deine unternehmerischen Züge her? Das Architekturstudium gibt einem ziemlich wenig davon mit.
Ich musste das in einer sehr kurzen Zeit lernen, das war ein Sprung ins kalte Wasser.
Ich habe die Struktur hier zu Beginn bewusst überdimensioniert, weil es mir leichter fällt einen Erwartungshaltung aufzuspannen, auch mir selber gegenüber, und diese unter Druck zu erfüllen, anstatt mal zu sehen, wie es geht, wie es sich gut anfühlt. Das was man tut ist eben nicht nur eine Liebe, eine Hingabe, man muss auch sehr funktional denken. Wenn man versucht, sich auf das Geschäftsleben einzulassen, muss man bereit sein, sich unter seine Ideale zu stellen und auf seine Emotionen keine Rücksicht zu nehmen. Wenn ein Job fertig werden muss, weil er am nächsten Tag in die Produktion geht, dann sitzt man bis sechs in der Früh da und noch länger. Das ist eben dann nicht, weil es einem Spaß macht, sondern weil es sein muss. Das passiert auch nicht einmal, sondern das passiert ständig. Durch den entstandenen Druck beginnt man nicht so notwendige Dinge wegzuschieben und reduziert permanent auf das, was gerade noch möglich ist. Das macht einen schneller und besser, aber auch härter.

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CAT – Foto: Stefanie-Grünberger

Im unternehmerischen gibt es ja gewisse Schritte. Wie bist du vorgegangen? Was sind deine Erfahrungen diesbezüglich?
Ich habe mich in das ganze ohne irgendeinen Background reingeschmissen, ich wollte das einfach machen. Ich wollte einfach die Ideen in meinem Kopf rauslassen. Ich will ein Umfeld schaffen, eine Maschine generieren, die mir ein Leben finanziert, dass ich das machen kann, was ich jetzt eigentlich mache.

Was meinst du mit Maschinen?
Die Maschine ist die ganze Struktur, alles was zu einem Unternehmen dazugehört. Die Personalstruktur, die Produktionsmöglichkeiten, die Kontakte zu Partnern, der Kundenstamm, das Marketing, ein Salesteam, die PR, die Entwicklung. All das soll so rund und geölt laufen, dass das System von alleine läuft, sodass ich zum Beispiel Projekte verwirklichen kann, welche als Idee vorhanden sind, aber bis dato noch nicht umsetzbar waren.

Das mag jetzt etwas überheblich klingen, aber es reicht nicht ein guter Designer zu sein, du musst ein unheimlich guter Designer sein, da du in einer Firma für kreative Prozesse nur sehr wenig Zeit hast. Für die Konzeption und das Produktionsdesign bleibt immer nur sehr wenig Zeit.

Du musst in der Lage sein unter höchstem Druck kreativ zu sein, das trainiert man im Architekturstudium auch relativ gut. Da arbeitet man ja Nächte durch und bekommt permanent Kritik und ist einem Diskurs ausgesetzt. Man ist es gewohnt mit Kritik positiv umzugehen. Die Fähigkeit sich immer wieder unter diese Kritik zu stellen, ist das A und O.

Der ganze Tag ist bei mir eigentlich mit administrativen Tätigkeiten, mit Meetings, Briefings und Trainings voll und meistens komme ich erst um sechs oder sieben Uhr abends dazu zu designen. Vor allem, wenn es auch um Teamleading geht. Dafür braucht es aus meiner Sicht auch ein gewisses Alter, damit einem auch gewisse Dinge einfach egal sind.

Ich möchte nochmal auf das unternehmerische Vorgehen zurückkommen. Die Gründungsphase, also das Start-up…
Aus meiner Sicht war von Anfang an nur ein Einzelunternehmen sinnvoll, weil es mein Drive war auf den es ankam und es auch meine Geschichte war, die ich erzählen wollte. Es gibt natürlich viele Leute, die im Gründungsprozess beteiligt waren und ohne die es auch nicht möglich gewesen wäre. Personen, die das ganze einfach mit sehr viel Hingabe begleitet haben. Am Anfang braucht man auch viel moralische Unterstützung. Daher ist es gut einen Gegenpart zu haben, der einem bestimmte Aspekte abnimmt. Es braucht ein Panoptikum an Meinungen. Man muss aber auch schauen, dass man Meinungen auch Meinungen sein lässt. Es reicht nicht gut zu sein, man muss sich ständig verbessern wollen, jeden Tag.
Wir sind sehr rasch aus dieser Start-up Phase herausgekommen. Ein Start-up waren wir vielleicht ein Jahr lang. Wir sind auch nicht an das ganze rangegangen, wie man es normalerweise macht in der Start-up Szene. Wir waren anders, wir waren direkt am arbeiten, von Anfang an. Wir haben auch irre viele Projekte mit großem Aufwand gemacht, die aber kaum Kohle gebracht haben, aber es war ein Training, welches man nicht unterschätzen darf. Diese Übung, diese Praxis ist sehr wichtig. Dieses Netzwerk, das man sich aufbaut, kann man gar nicht in seinem Wert ermessen, wenn man nach 10 Jahren zurückblickt.

Wir haben unsere eigenen Strukturen geschaffen und nicht schon vorhandene genützt. So macht man etwas einzigartiges und hat keine Konkurrenz. Wir nehmen das Material einfach bis ins Detail ernst und sehen es als Baumaterial und nicht nur als Zusatz. Wir entwickeln das soweit, dass wir nicht nur ein Projekt machen, sondern das Produkte entstehen.

Diese Firma, dass sie so rennt wie sie rennt, braucht viele Faktoren. Zum einen habe ich eine gute Ausbildung, damit ich Credibility hab um solche Sachen zu machen, dann kann ich meine Ideen vermitteln und andererseits ist es eine persönliche Einstellung, Leute auch wirklich führen zu wollen. Und natürlich die Mitarbeiter, die voll und ganz dabei sind. Jetzt ist auch gerade eine Zeit, in der diese Kreativwirtschaft von der Stadt Wien angekurbelt wird. Es ist jetzt einfach die Zeit, das zu machen und die passende Umgebung. Karton ist auch das Material dieser Zeit, da geht es nicht nur um die ökologische Nachhaltigkeit, sondern um das Thema Qualität. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen, vor zehn Jahren hätte ich das auch nicht durchgehalten.

Wie viele Angestellte hast du? Und welchen Hintergrund bringen sie mit?
Im Moment drei. Zwei fixe Angestellte, eine geringfühgig Angestellte, einen Teilzeit-Mitarbeiter und dann Freelancer. Zwar ist ein Angestelltenverhältnis oft einfacher, aber es bedeutet auch, dass du den Angestellten Arbeit garantieren musst. De facto sind wir ein Kernteam von vier Personen.
Moritz hat vor langer Zeit Philosophie studiert, Aber ich würde ihn als den klassischen Prop-Designer bezeichnen (ein Prop-Designer ist, übersetzt, ein Ausstatter für Film, Fernsehen, …). Petra hat eine Ausbildung im Scenery Design und übernimmt jetzt mehr und mehr das Furnitur Design. Julian ist gelernter Drucktechniker und der Spezialist mit Schneidemaschinen. Er ist nun bei Papertown Production Manager und kontrolliert das operative Geschehen. Für größere Jobs kenne ich zum Glück genug Leute, die immer wieder mal einen Job suchen.the-crew-of-papertown-2015_sw

Aus welchen Fehlern hast du gelernt?
Du musst lernen mehr nein als ja zu sagen, auch wenn es immer heißt say yes, yes, yes. Wenn jemand meint ‚mach mir das gratis, das wäre ein gute Werbung für euch!‘ Nein. Die Sachen haben ja ihren Wert. Man muss auch lernen, dass von den enthusiastischen Zusagen nur circa 10 Prozent wirklich was werden. Ein weiteres Prinzip ist auch, dass man nichts hinausschieben darf. Man muss Dinge sofort ansprechen. Bevor in einem Meeting nicht die Geldfrage geklärt ist, darfst du nicht aufstehen. In diesem Land ist die Einstellung sehr verbreitet, das man den Preis immer noch ein wenig drücken kann. Die Wahrnehmung, dass Qualität ihren Preis hat, ist in Deutschland zum Beispiel wesentlich stärker verbreitet. Da muss man mit den Kunden nicht so lange diskutieren, die akzeptieren den Preis eher.

Ihr designt und produziert? Wie macht ihr das?the-BETTA-TABLE-fb
Diese Doppelfunktion ist etwas seltenes, das machen nur wenige Designer. In unserem Fall ist es nicht anders möglich. Wir sind mittlerweile sehr spezialisiert in der Produktion, das könnte kaum jemand übernehmen und so bestimmen wir die Qualität und die Geschwindigkeit ist eine sehr hohe. Wir machen manchmal monatelang die Produktion und nicht in der Entwicklung von neuen Sachen, was aber wichtig ist, wenn man sich etwas aufbauen will. Das führt dazu, dass man irgendwann eine Entscheidung treffen muss.
Im Moment ist es so, dass in Produktionsstätten in Bratislava und Wien der Zuschnitt , der Teil 1 der Produktion stattfindet. Die Teile kommen dann zur Montage hier her, dem Teil 2. In Zukunft wird es eine Tochterfirma geben, die die Produktion übernimmt. Mit einem anderen Team, einer anderen Produktionsstätte und anderen Arbeitsabläufen.

Was reizt dich an dem Unternehmertum?
Diese Energie. Das ist pure Energie, alles was du tust. Es geht nicht um ein Projekt, sondern es geht darum etwas aufzubauen. Für mich ist das nicht einfach nur ein Job und ein Büro, es wird zur Berufung. Ich könnte gar keinen anderen Job mehr machen, außer ich bin so kaputt, dass ich nicht weitermachen kann. Aber solange ich in der Lage bin, werde ich das tun. Man lernt aber schon mit der Zeit, dass man manche Dinge gemütlicher angehen soll. Um wirklich professionell zu arbeiten, ist es wichtig, den Druck nicht so hoch werden zu lassen. Du machst dann die Dinge sobald sie möglich sind, sofort, ob du Lust hast oder nicht. Deshalb haben wir auch Projekte nach einer Woche erledigt gehabt, obwohl sie erst in zwei Monaten abzugeben wären.

Wie viel Unterschied besteht in der Arbeitsweise von Architekten und dir? Weil ich Architekten nach meinem Erfahrungsschatz ganz anders sehe. Weniger unternehmerisch, aber dafür mit diesem Suchen nach Idealen. Ich höre bei die ganz wenig gesellschaftlichen Anspruch raus. Was sind deine Werte?
Davon gibt es jede Menge. Ich baue etwas auf und gebe jedem einem Share davon, der bereit ist, sich da reinzuhauen und mache grundsätzlich jedem die Tür auf, der bereit ist mitzumachen. Ich fang also direkt an, bei dem was ich tun kann, bevor ich überlege, wie ich die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Bei dem Material, das ich verwende, kann man auch durchaus sagen, dass es nachhaltig ist, gerade im Vergleich zum herkömmlichen Messebau, wo du nur Müll hast. Aber das ist nicht mein Hauptinteresse. Ich mach das nicht, weil es recyclebar ist, sondern einfach weil ich Papier und Karton liebe.

Es ist das Material mit dem man eine Idee am schnellsten umsetzen kann. Das Material an sich ist eigentlich nichts wert, aber durch Gedankenkraft kannst du es aufwerten.

Du kannst aus dem Nichts etwas schaffen, was Wert hat. Ich mache aus einem Verpackungsmaterial ein hochwertiges. Das ist eine konzeptuelle Umdeutung. Wenn man so will, will ich die Welt so verändern, dass die Leute wachgerüttelt werden und sich die Frage nach Qualität und Dauerhaftigkeit stellen und warum dieser Tisch jetzt aus Holz oder Kunststoff sein muss und den ganzen Konsum hinterfragen. Ich glaube, dass das mein Beitrag für eine nachhaltigere Gesellschaft ist.

Das waren jetzt sehr leidenschaftliche Schlussworte, herzlichen Dank für das Interview, Philipp!

Mehr zum Tätigkeitsfeld von Papertown und viele schöne Beispiele von ihren Kartonprojekten findet ihr auf der Homepage https://papertownblog.wordpress.com/.  Titelbild: PF14, KM Booth 01.  Foto: Severin Dostall