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Prekär. Arbeiten. Rückblick

Bei sommerlichen Temperaturen und während des dichten Lendwirbelprogramms fand am 05.05.2015 der „Tee am Dienstag“ zum Thema „Prekär. Arbeiten.“ im Haus der Architektur in Graz statt. (off)architecture lud zur gemeinsamen Diskussion zwischen dem Podium und den Gästen ein. Idee war es, den Begriff prekär unter soziologischen, wie persönlichen Gesichtspunkten zu beleuchten. Zu Gast am Podium war Klaus Kraemer, Professor für Soziologie an der Karl Franzens Universität Graz, Daniel Bauer vom Motion Design Studio shotshotshot und Marleen Leitner vom Atelier studio ASYNCHROME. Letztere haben an der TU Graz Architektur studiert.

Daniel Bauer (Shotshotshot), Prof. Klaus Kraemer, Marleen Leitner (studio asynchrome)

Daniel Bauer (Shotshotshot), Prof. Klaus Kraemer, Marleen Leitner (studio asynchrome)

„Architekten arbeiten nicht unbedingt prekär“ stellte Professor Kraemer voran. Prekär arbeiten könne man differenzieren in „Inhalt der Arbeit“ und die „Sicherheit und finanzielle Situation“. Junge ArchitektInnen haben eine hohe Identifikation mit ihrem Berufsfeld, das heißt sie haben eine intrinsische Motivation. Dem Gegenüber stellt er als Beispiel Leiharbeiter, die berufsfremden Tätigkeiten nachgehen. ArchitektInnen seien demnach nicht prekär im Bezug auf ihr Tätigkeitsfeld zu sehen, sehr wohl aber prekär im Hinblick auf den Übergang zwischen Studium und Beruf. Während Abgänger aus anderen Studienrichtungen in ein gesichertes Arbeitsverhältnis kommen und sich über Familie und Hausbau Gedanken machen, sorgen unstete Anstellungsverhältnisse und Bezahlung innerhalb der Architekturbranche für eine erschwerte Situation für langfristige Planungen. Soziologische Studien ergaben, dass der Großteil der Männer über 35 einer stabilen Beschäftigung nachgehen. Die Zeit zwischen Studium und ca. 35 Jahre kann also als prekäre Phase gesehen werden. Frauen, gerade nach der Geburt des zweiten Kindes, gelingt nur selten eine stabile Integration in den Beruf.

„Wie viel Prekariat braucht Kreativität?“ war die überspitzte Fragestellung, mit der wir in die Diskussion und die persönlichen Sichtweisen überleiteten.

Marleen Leitner identifiziert sich voll und ganz mit ihrer Arbeit. Bereits während des Studiums haben sie und Michael Schitnig selbstständig gearbeitet und ihre Passion zum Beruf gemacht. Sie gehen dem nach, was ihnen Freude bringt und nehmen die derzeitige finanzielle Situation in Kauf, nicht nur, weil sie im Studium gelernt haben, mit wenig Geld auszukommen, sondern weil sie von ihrer Arbeit überzeugt sind. Bisher geht alles gut auf. Beide wissen aber auch, dass das nur in ihrer jetzigen ungebundenen Situation möglich ist.

Daniel Bauer war bereits während des Studiums klar, dass er sich selbstständig machen wird. Animation interessierte ihn damals schon, und mit dem aufkommen von You-Tube sah er seine Chance. Er wagte einen neuen Weg, einen Berufszweig, den es in Österreich so noch nicht gab – mit Erfolg. Er erzählt auch vom Studium und davon, wie er sich ausmalen konnte, welche Schwierigkeiten der Berufseinstieg in der Architektur mit sich bringt. Als Architekt sah er zwei Möglichkeiten: in einem renommierten Büro anfangen oder sich auf die eigenen Beine stellen. Beides malte er sich nicht rosig aus. Beliebte Büros wissen um ihren Ruf, sie bezahlen gering oder gar nicht. Sich als Architekt selbstständig zu machen, hätte bedeutet sich auf das Wettbewerbs-Lotto, wie er es nennt, einzulassen. Junge Büros machen Wettbewerb für Wettbewerb und nach fünf Jahren feiern sie womöglich einen ersten Preis.

„Quasi eine Lösung für die Thematik der Bürogründung anbietend“, kam eine Wortmeldung aus dem Publikum. Verweisend auf die Thematik des finanziellen Rückhalts und der notwenigen Netzwerke für die Gründung eines Büros, wurden die Bürokollektive, die vor einigen Jahren entstanden, angesprochen. Warum deshalb in den letzten Jahren keine neuen dazu gekommen sind, lässt wundern.

11187415_378045062383263_225963630889246865_oDie Arbeit in Architekturbüros konnte auch von einer anderen Seite betrachtet werden, der des Arbeitgebers. Jungen StudienabgängerInnen würden ihr Können und das Tätigkeitsfeld der Architektur teilweise falsch einschätzen. Sie seien zwar super im Bereich Graphik, wüssten jedoch nur wenig von Ausführungsplanung. Büros investieren in den ersten zwei bis drei Projekten, sprich fünf bis sechs Jahren in sie. Hierbei wird die finanzielle Problematik für junge ArchitektInnen wie für ihre ArbeitgeberInnen deutlich. Projektarbeit und die schwankende Auftragslage erschwert zusätzlich die Situation für Büros wie ihre MitarbeiterInnen.

Stabile Arbeitsverhältnisse in der Architektur sind vielleicht doch nicht so leicht zu erreichen, wie Professor Kraemer mit der zitierten Studie aufzeigt. Die Laufbahn von Architektinnen ist heute nicht mehr stufenweise zu sehen. ArchitektInnen arbeiten projektbezogen, so auch Büros – die Entwicklung innerhalb der Arbeit sei eher horizontal zu betrachten. ArchitektInnen würden von Projekt zu Projekt arbeiten und sich immer wieder mit neuen Themengebieten auseinandersetzen.

Wesentlich für die Diskussion war auch die Frage danach, wie es ArchitektInnen gelingt Fuß zu fassen. „Diese Frage zu beantworten, sei gar nicht so leicht zu beantworten, schließlich funktioniert Architektur nicht nach dem Marktprinzip“, so Professor Kraemer, „andere Faktoren seien ausschlaggebend“. Erfolgreichen Architekturschaffenden ist es gelungen, sich einzigartig darzustellen. Dabei 1891453_378045065716596_6972197108180000672_obenötigen sie Kenner, Kunden, die sich auch als Singulär und Einzigartig darstellen wollen. Zur Bekanntheit tragen Wettbewerbe, Auszeichnungen und Preise bei. Netzwerke spielten eine wesentliche Rolle. Diese Formen der Beurteilung durch etablierte Personen und Institutionen ermöglichen das Erweitern der Kennerschaft.

Dass die Architekturbranche nicht nach Angebot und Nachfrage funktioniert, sondern andere Faktoren, wie oben angeführt, für den Erfolg ausschlaggebend sind, führt wohl zu der prekären Anfangsphase, die u.a. durch den Wandel in der Arbeit, die projektbezogene Arbeit und – die unsichere Wirtschaftlage, (…) immer länger dauern kann. Eine Tatsache, mit der wir uns anfreunden müssen?

Ein herzliches Dankeschön an unsere Gäste, an das Publikum und an Markus Bogensberger und Karin Oberhuber vom Haus der Architektur Graz. Fotos: studio asynchrome