Geschichten

studio ASYNCHROME – Marleen Leitner und Michael Schitnig

Mit ihrer Graphic Novel ‚Niemandsräume – eine utopische Spurensuche‘ und zahlreichen Projekten u.a. in Graz und Linz sind Marleen Leitner und Michael Schitnig vom ’studio ASYNCHROME‘ zur Zeit in aller Munde. Wir trafen das junge Duo aus Graz zum Frühstück um mit ihnen über den Übergang vom Studium zur Selbständigkeit zu sprechen und wie sich ihre künstlerische Tätigkeit entwickelt hat.

Ich würde gerne mit eurer Ausbildung vor dem Architekturstudium beginnen. Welche Schule habt ihr besucht?
Marleen: Ich habe die Handelsakademie in Judenburg besucht, mit Schwerpunkt auf Betriebswirtschaft und Marketing. Danach habe ich einige Zeit in marketing-orientierten Bereichen gearbeitet, wo ich aber schnell merkte, dass ich das nicht mein ganzes Leben lang machen möchte. Daraufhin zog ich nach Graz und begann das Architekturstudium, das mich immer schon sehr gereizt hat.
Michael: Ich absolvierte das Lichtenfels Gymnasium in Graz. Danach wollte ich Kunst in Wien studieren, inskribierte mich aber auch zeitgleich für Architektur in Graz. Schlussendlich sind daraus sieben Jahre geworden, da mich der medienübergreifende Entwurfsaspekt am Studium sehr interessierte – der für mich völlig neu und dadurch sehr herausfordernd war.

Ihr habt während eurer Studienzeit nicht nur Architektur gemacht, sondern auch Photographie, Malerei, Grafik. Wie seid ihr zu einem grafischen Bezug bekommen? Eure Diplomarbeit ist ja auch grafisch orientiert.
Michael: Das Zeichnen war schon immer wesentlicher Bestandteil in unserem Tun. Wir haben auch bis ins dritte Studienjahr hinein die Pläne mit der Hand gezeichnet.

Zeichnen bringt eine große Unmittelbarkeit mit sich, da kann man nicht einfach rausscrollen wie beim Computer – jeder Strich ist eine direkte Übersetzung eines Denkprozesses.

Eine Skizze passiert fast so unmittelbar wie das Sprechen. Das Zeichnen ist ja eine der ältesten architektonischen Disziplinen und so wurde es für uns vom Kommunikationsmittel immer mehr zum künstlerischen Medium. Dabei ist es wichtig zu sehen, wie arbeiten andere Architekten / Künstler oder wie haben sie gearbeitet. Daraus entstand unser eigener Kanon an Techniken, welche wir im Comic als wichtiges architektonisch/künstlerisches Ausdrucksmedium sehr gut miteinander kombinieren können.

War das also auch ein Aneignungsprozess um euch der Architektur anzunähern?
Michael: Ja, schon. Anzunähern und in weiterer Folge eigene räumliche wie gesellschaftliche Möglichkeiten anzudenken oder zu hinterfragen.
Marleen: Wenn man vor etwas oder jemandem sitzt und versucht den Gegenstand / Ort oder Menschen zu skizzieren, ist die Wahrnehmung eine andere als im Vorbeigehen.
Indem man Gesehenes versucht zu skizzieren, werden nochmals andere Bezüge hergestellt, zur Materialität, zu Oberflächen, zu Räumen.

studio ASYNCHROME_für off architecture (2)

Ihr habt 2014 eurer Studium abgeschlossen und arbeitet seit dem selbstständig. Wie war das? Welche Entscheidungen waren relevant?
Michael: Wir wollten mit der Diplomarbeit immer etwas machen, das auch für uns weiterführend unser Beschäftigungsfeld definiert. Es war klar, dass die Diplomarbeit nichts ist, was mit der bestandenen Prüfung endet.
Marleen: Dadurch, dass wir neben dem Studium nicht nur zusätzliche Ausbildungen absolviert, sondern auch immer an unseren eigenen Projekten gearbeitet haben, war der Bereich des selbständigen Arbeitens nicht neu für uns.
Michael: Wir wollen den Fragen nachgehen: Wie positioniert sich unsere Umwelt, gebaut oder nicht, in einem gesellschaftlichen Kontext? Wo sind die Schnittstellen architektonisch wie auch künstlerisch zu finden und wie sind diese definiert? -Fragen, die, wie wir finden, heute etwas ausgeklammert werden. So sind wir auf die Utopie gekommen.
Formale Spielereien sind schön anzuschauen, aber inhaltliche, kritische Architektur ist etwas anderes und dem wollen wir uns annähern.
Aus dieser Überzeugung heraus, haben wir uns entschlossen, nach dem Studium nicht in einem Büro, sondern an unserer eigenständigen Idee weiter zu arbeiten. Unsere Selbständigkeit ist eher eine künstlerische als eine architektonische. Wir verstehen unser ’studio ASYNCHROME‘ , als Freiraum für Ideen.

Seht ihr euch also als Künstler oder als Architekten? Oder habt ihr eine eigene Bezeichnung?
Marleen: Ich würde sagen, dass ich genauso Architektin wie Künstlerin bin.
Michael: Aber nicht Künstler-Architekt, wie es Hans Hollein oder Coop Himmelb(l)au propagiert haben. So etwas wollen wir nicht sein. Bei einem Interview mit der Kleinen Zeitung wurden wir als Grenzgänger zwischen Architektur und Kunst bezeichnet, das finde ich sehr treffend für unsere Bestrebungen.
Marleen: Wir trennen in unseren Arbeiten auch das Eine nicht von dem Anderen – es ist unmittelbar verknüpft.

Ganz klar steht für uns der Inhalt und damit verbunden die formulierte Kritik, konstruktiv oder reflexiv im Vordergrund unserer Beschäftigung.

Michael: Für mich steht in all unseren Projekten ein inhaltliches Ziel im Vordergrund. Dabei ist die Bezeichnung Architektur oder Kunst nur in der zweiten Betrachtung relevant, da sie für mich Schwerpunkte markieren, die von Mal zu Mal unterschiedlichen Anteil in einem Projekt einnehmen.

Was ist vom Architekturstudium noch relevant für eure Arbeit? In einem Radiointerview habt ihr von der erlernten Selbstständigkeit im Studium gesprochen.
Marleen: Während des Studiums hatten wir die Möglichkeit, in viele Themenbereiche einzutauchen um selbst herauszufinden, mit welchen Bereichen man sich identifizieren kann und mit welchen eher weniger. Wir haben den Masterstudienplan und den Diplomstudienplan erlebt und da war es interssant am Beispiel des Entwerfens die Unterschiede in den Möglichkeiten der Herangehensweise und der Ausarbeitung zu sehen. Wie entwickeln sich Projekte, wenn man ein halbes Jahr daran arbeitet und wie, wenn sie in einem Monat komprimiert sind? Das war durchaus lehrreich.

studio ASYNCHROME_für off architecture (6)

Das Projekt im HDA, Graz

Welche Beobachtungen habt ihr dabei gemacht?
Michael: Schnelligkeit ist kein Qualitätskriterium. Um seine Werkzeuge beherrschen zu lernen braucht es Zeit. Dabei finde ich es gut, wenn man gerade am Anfang mehr Freiräume hat, oder sich diese nimmt um Ideen zu entwickeln und an diesen auch zu arbeiten. Wobei natürlich in weiterer Folge durch Beschleunigung und Komprimierung auch sehr gute Ideen entstehen können. Heute haben wir für manche Projekte nur eine Woche Zeit. Im Studium sind Projektübungen und Entwurfsseminare sehr ergebnisorientiert aufgebaut, wobei es meiner Meinung nach mehr um den Prozess gehen sollte. Man sollte Zeit haben um seine eigenen Fragestellungen zu definieren und nicht alles vorgelegt bekommen, sodass dadurch eine unreflektierte Präsentationsästhetik entsteht.
Marleen: Dadurch gleichen sich leider auch die Prozessabläufe immer weiter an. Da ich einen ganz anderen Zugang hatte durch meine Vorbildung, war für mich eine ganz zentrale Frage, wie ich beginne. Das war ein Orientierungsprozess und hat sich selbst entwickelt. Deshalb stelle ich schon in Frage, dass man vom Anfang bis zum Schluss alles vorgibt und somit die Möglichkeit zur selbstständigen Entwicklung immer weiter ausklammert.
Michael: Ein weiterer Punkt, den ich im Studium gelernt habe, ist, wie man ein Projekt entwickelt und von der ersten Idee bis zu den Details durchkonzipiert. Die Fähigkeit, Ideen bis zum Schluss durchzudenken hat mir vor dem Studium gefehlt.

Wie erging es euch bei dem Übergang vom Studium, wo es leicht ist sehr kritisch zu sein, in die Arbeitswelt, wo man Teil des Systems wird, Geld verdienen muss, um zum Beispiel Versicherungen zu bezahlen?
Michael: Geld bekommt eine unweigerlich größere Rolle. Wir sind glücklicherweise sehr schnell an Projekte gekommen, wobei es auch schwierig ist, sich mit den Projekten alleine zu finanzieren. Außerdem haben wir ein zweites Buch geplant und da braucht es andere Absicherungen, langfristige, um das zu machen. Wir hoffen also auf Förderungen und machen Projekte, unter anderem beim Steirischen Herbst und in Oslo. Man entscheidet sich für diese Unsicherheit.

Michael: Viel Freizeit bleibt nicht, auch wenn man sich das selbständige Arbeiten mit der freien Zeiteinteilung romantisch vorstellt. Man arbeitet also wahnsinnig viel für sehr wenig Geld. Aber für uns ist es eine Berufung und kein Beruf, deshalb gehen wir diese Kompromisse ein.

Marleen: Wir haben sehr genau überlegt, wie es wäre, wenn man ein fixes Einkommen durch ein Anstellungsverhältnis hätte. Jedoch würde uns die Zeit, die wir dann in einem Büro verbringen, für die Umsetzung unserer eigenen Projekte fehlen.

Eure Diplomarbeit wurde ja publiziert.

studio ASYNCHROME_für off architecture (7)

Aus der Graphic Novel ‚Niemandsräume‘

Michael: Die Idee, dass die Arbeit publiziert wird, hatten wir schon vorher, aber dass es so schnell ging, hatten wir nicht erwartet. Unser Betreuer Professor Hans Kupelwieser hat das Buchvorhaben sehr gepusht. Unsere Prüfung war an einem Dienstag und am Freitag hatten wir bereits ein Gespräch mit der Verlegerin. Beim TU Graz Verlag ist es so, dass die ‚Niemandsräume‘ als wissenschaftliche Arbeit publiziert wurde, was bedeutet, dass wir daran nichts verdienen. – ein Rückfinanzierungssystem für die Geldgeber sozusagen. Für uns war es jedoch wichtig „Niemandsräume“ zu publizieren um Wissen zu teilen und darüber diskutieren zu können. Wir sehen es auch als Teil unseres Portfolios, welches wir anderen zeigen können, um weitere Möglichkeiten für neue Projekte zu bekommen. Wir hatten im Forum Stadtpark die Buchpräsentation, vor Kurzem hatten wir ein Radiointerview in Wien und dann wurden wir zum NEXTCOMIC 2015 in Linz eingeladen, wo das Medium des Comics interdisziplinär gedacht wird. So lernten wir interessante Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen kennen, von denen wir spannende Inputs bekamen – zum Beispiel Stefano Ricci (Maler und Grafiker). Es ist ein gegenseitiges Lernen und Austauschen von Ideen.

Marleen: Wir haben gemerkt, dass bei Ideen, an denen sich unsere Meinungen nicht aneinander reiben, oft eine gewisse Tiefe fehlt. Diese Reibungen und Diskussionen sind für uns sehr wichtig um Ideen zu entwickeln. Das Reden über die eigenen Ideen ist auch etwas, das man im Studium lernt. Gedanken und Ideen in Worte fassen, Kritik annehmen und verarbeiten.
Michael: Mittlerweile sehe ich es als Bereicherung, wenn man auf Konfrontation stößt. Es ist sehr befruchtend, wenn man nicht immer einer Meinung ist. Das ist bei uns zwei auch so.

Da sind wir ja schon mitten in eurem Arbeitsalltag. Wie sieht der aus?
Michael: Einen richtigen Alltag haben wir nicht. Wir setzen uns Ziele für die Woche. Bei dem Projekt „GRAZTOPIE“ für das HDA sah der Arbeitstag zum Beispiel so aus, dass wir viel fotografierten, skizzierten und uns an den für uns interessanten Orten Inspirationen holten. Gleichzeitig recherchierten und diskutierten wir Schritt für Schritt die Konzeption des Projektes.
Marleen: Wir entwickeln unsere Projekte, ob Auftragsarbeiten oder eigene, immer in einem gesellschaftlichen oder örtlichen Kontext.

Eine sehr architektonische Herangehensweise.
Marleen: Das stimmt. Jedes Projekt ist eine neue Herausforderung, da sich die örtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge jedes Mal anders verhalten.
Michael: Für das „Feinkost Mild“ zum Beispiel wollten wir mit unseren Wandzeichnungen ganz klare Raumzonen schaffen, oder vorhandene Elemene wie z.B. die Spiegel mit in die Erzählung der Raumgrafik einbeziehen.
Marleen: Durch die Übersetzung von der Skizze bis zur finalen Zeichnung an der Wand ändern sich nicht nur die Bezüge innerhalb des Raumes, sondern auch die eigene Maßstäblichkeit im Bezug zur Zeichnung.

studio ASYNCHROME_für off architecture (4)

Das Projekt im Feinkost Mild

Ihr seid sozusagen aus dem Buch an die Wände gekommen. Könnt ihr euch vorstellen noch weiter in Richtung Architektur zu gehen – im Sinne des Bauens?
Marleen: Das kommt ganz klar auf das Projekt an. Wir schließen das beide nicht aus, halten es offen.
Michael: Die räumliche Komponente, auch bei den Zeichnungen an den Wänden, ist für mich schon sehr spannend.
Marleen: Wir überlegen, was aus der Zeichnung weiter räumlich entwickelt werden kann.
Michael: Wie kann die Zeichnung weiter in den Raum eingreifen, in einer Art Installation? Das sind immer begleitende Fragen. Wir arbeiten bei unseren Projekten immer am Modell um unsere Ideen zu verfeinern, zu überprüfen, bezüglich der Maßstäblichkeit, der Blickwinkel und so weiter.

Ihr habt ja jetzt schon viele Tipps gegeben, was das Arbeiten betrifft. Was wären zum Anschluss noch weitere für Studienanfänger?
Marleen: Eine gewisse Sturheit und Konsequenz ist wichtig, aber genauso auch die Lernbereitschaft und Offenheit gegenüber Neuem. Wenn man das Gefühl hat, dass das Studium für einen passen könnte, sollte man sich auf die Möglichkeiten der verschiedenen Institute und Gegenstände einlassen, um seine eigenen Interessenschwerpunkte herauszufinden und diese in weiterer Folge vertiefen zu können.
Michael: Stur sein würde ich neben sehr viel harter Arbeit, Übung und Durchhaltevermögen vor allem damit beschreiben: An sich selbst und das Projekt glauben.

Wir möchten uns herzlich bei Marleen und Michael vom ’studio ASYNCHROME‘ bedanken. Ihre Arbeiten können auf ihrer Homepage betrachtet werden. Aktuelle Projekte werden zur Zeit im HDA, im Saloon des Forum Stadtpark, bei den Randnotizen des Steirischen Herbst und im Feinkost Mild gezeigt. Fotos: studio ASYNCHROME