Geschichten

Agent in the Biosphere – Markus Jeschaunig

Wir treffen uns mit Markus auf einen Kaffee und zum gemeinsamen Gespräch über Architektur, Kunst, Natur und stoßen dabei auf die untrennbaren Zusammenhänge innerhalb der Biosphäre. Im Gespräch wird uns schnell klar, dass Markus mit und für seine Arbeit lebt, viel Zeit zur Reflexion bleibt ihm nach eigenen Worten nicht. Wir folgen durchdachten Gedankengängen und bemerken nicht umhin, dass seine Arbeit nicht nur ihn begeistert.

offarchitecture: Du hast an der Kunstuniversität Linz Architektur studiert und warst davor an der Grazer Ortweinschule. Würdest du uns dazu etwas erzählen?

Markus Jeschaunig: Die Ortweinschule ist einfach ein Schmelztegel, ein Entwicklungsort für mich. Noch bevor ich wusste, wie studieren funktioniert, habe ich an der Ortweinschule Fächer in anderen Klassen gemacht, ähnlich einer Univorlesung als Mitbeleger, einfach aus Interesse über den Tellerrand hinauszuschauen. Danach bin ich an die Kunstuni Linz und habe dort Architektur studiert. Ich wollte unbedingt an eine Kunstuniversität und keine TU, das war mir damals wichtig.

Was war für dich im Studium wesentlich?

Im dritten Jahr habe ich zusammen mit 6 StudienkollegInnen eine Ausstellung im afo (Architekturforum Oberösterreich) in Linz gemacht. Wir haben ein selbst initiiertes Forschungsprojekt zum Thema ‚öffentlicher Raum‘ durchgeführt, das ‚FLAUM‘ – „ForschungsLabor öffentlicher rAUM“ hieß. Dafür haben wir eine Reise auf den Spuren des Orient Express durch Südosteuropa gemacht.
Zur Vorgeschichte: das Ganze ist aus dem Willen und Drang heraus gekommen, die ‚Stadt‘ selbst kennen lernen zu wollen. Dazu haben wir Leute aus unterschiedlichsten Disziplinen eingeladen und ein halbes Jahr Vortragsreihen außerhalb der Uni gemacht.
Dann kam die Überlegung dort hinzufahren, wo es noch ein bisschen unreglementierter ist, wo es noch gewisse Spielräume gibt. So sind wir mit dem Orient Express Richtung Istanbul gefahren und haben in zwei Städten Halt gemacht, Belgrad und Sofia.. Wir haben uns selbst ein Kartenverbot auferlegt und haben so die Städte erkundet, sind flaniert, haben Gebäude betreten und sind der Nase nach umhergeschweift…

Was mit dieser Reise begonnen hat, ist das Lernen von der Stadt. Ich wollte wissen, wie die Dinge zusammenspielen. “Das Außen der Häuser ist das Innere der Stadt“, sagte ja Jane Jakobs. Diesen Luftraum wollte ich lesen können. Da schwirrt so viel umher in diesem Raum, da sind Dresscodes drinnen, da ist Gefahr oder Sicherheit, da ist so viel zum Ablesen. Als angehender Architekt dachte ich, wenn ich Gebäude in diesem Raum planen muss, möchte ich darüber Bescheid wissen.

Das FLAUM Projekt war wie ein geistig wissenschaftliches Erwachen für mich, der Wechsel vom Hausaufgabenmacher hin zum selbstreflexiven kritischen Wesen. Die Geburt des Agenten/der ‚agency‘.

Markus Jeschaunigs Arbetsplatz: Das Printi in der Mariahilferstraße

Markus Jeschaunigs Arbeitsplatz: Das Printi in der Mariahilferstraße Foto: Printi

Wie kommt es, dass du in die Kunst gegangen bist?

In der Kunstwelt kannst du mehr als architektonische Fragestellungen bearbeiten, da gibt es keine Grenze.

Ich mache, was ich mache, wie man das nennt oder klassifizieren möchte ist mir relativ egal. Wichtig ist mir Inhalt und Aussage. Im Kunstraum kannst du Gedanken relativ schnell an die Oberfläche bringen. Die Kunst ist der letzte Freiraum, der keinen ökonomischen oder institutionellen Interessen unterliegt.

Ein freies Feld wo Kritik gedeihen und abgefeuert werden kann. Es ist möglich die Dinge einfach nur anzudeuten, oder in einer Installation zu bauen, das reicht mir schon. Ich brauche also nicht 5 Jahre an einem Gebäude zu planen, um wesentliche Aussagen zu treffen. Dinge, die ich sagen möchte, brauchen oft nicht viel, sie können meist in weniger als einen halben Jahr fertig sein. Der Rest passiert im Kopf der BetrachterInnen.

Du nennst deine Internetseite ‚Agency in Biosphere‘ und bezeichnest dich als ‚Agent in the Biosphere’. Was darf man sich darunter vorstellen?

Ich habe einen Namen für das gesucht, was ich mache. Zu Beginn dachte ich, Architektur ist es nicht wirklich, aber Kunst irgendwie auch nicht ganz. Ich habe mich gefragt, ob man meine Arbeit einem gewissen Beruf zuordnen könnte? Heute nach einigen Projekten, sehe ich das klarer.
Nehmen wir an, der Planet Erde ist mein Atelier und Arbeitsplatz. Der Raum, in dem wir gemeinsam leben, denken und handeln. Die Biosphäre als vitaler Film der sich über die Erde zieht, der Ort in dem sich das Leben entfaltet und sich unzählige Metabolismen abspielen. Doch auch die Biosphäre – im Sinne des Planeten in seiner Gesamtheit – inklusive der Atmosphäre, Hydrosphäre oder Lithosphäre.
‚agency‘ kommt aus der Soziologie und bedeutet, ein Individuum, eine Gruppe oder Institution, welches seine Umgebungsbedingungen kritisch reflektieren und aktiv darauf reagieren kann.

‚agency‘ begreife ich als Selbstlösungskompetenz von Individuen, das für unser Überleben notwendige ‚agieren‘. Dies finde ich total wichtig und es fehlt in unserer bequemen, post industriellen und zu passiv gewordenen Konsumgesellschaft.

Der ‚Agent‘ bzw. ‚Agent in the Biosphere‘ spielt natürlich auch mit dem Begriff des ‚Agenten‘ – im Sinne eines James Bond. Der ‚key agent‘ ist Initiator für kreative Prozesse, jemand, der eine leitende Funktion einnimmt. Die Schlüsselfigur, die andere Menschen inspiriert, zum mitmachen, weitermachen und selber umsetzten.

Welchen Einfluss nimmt die Architektur auf deine Arbeit?

Ich habe großen Respekt vor vielen Architektinnen und Architekten und deren Werk. Auch Pioniere, wie zum Beispiel Philippe Rahm, faszinierten mich. Aber irgendwann hat mir das nichts mehr gegeben, weil ich gemerkt habe, was mich inspiriert und interessiert, kommt nicht von ArchitektInnen. Diese Themen muss ich mir selber ergründen, zusammen mit Fachleuten. Zeitweise finde ich bei VertreterInnen der TU Graz oder dem Kunsthaus Graz ein Gesprächs-Gegenüber, um Themen wie das Denken in größeren (ökologischen) Zusammenhängen zu diskutieren. Graz ist hinsichtlich dieser – in Zukunft immer relevanter werdenden Praxis – eine ziemliche Wüste. Das ist aber auch ein großer Vorteil, weil du den ersten Wassertropfen für dich verwenden kannst. Du kannst ein Projekt schnell zum Blühen bringen in so einer Situation. Ich bin bisher nie auf den Gedanken gekommen weg zu müssen, obwohl ich nach meiner Rückkehr aus Großstädten wie Istanbul, Wien oder Zürich dachte, in Graz wird es mich nicht lange halten. Zu Orten wie der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig fahre ich ohnehin regelmäßig.

Du sagtest, Architektur inspiriert dich nicht mehr wirklich. Aber gibt es etwas, dass du aus dem Studium mitgenommen hast?

Zu Lernen, das Kritik nicht bedeutet etwas oder jemanden zu „kritisieren“. Wichtig war es, zu Lernen wie man eine Sache neutral betrachten kann.

Wie man konstruktiv sein kann und Kritik äußert, ohne jemanden zu beleidigen. Das sind essentielle Dinge, die ich aus meiner Vergangenheit heraus nicht beherrschte und erst auf der Uni lernte.

Ich erinnere mich an meine ersten Projektkritik an der Uni, wo ich dachte, die machen mich jetzt fertig. Da muss man aber umschalten, da geht es schließlich um die Sache und das Projekt und nicht um dich persönlich.

Was sind deine Mittel zur Selbstreflexion? Oder nimmst du dir die künstlerische Freiheit, das nicht tun zu müssen?

Es ist im Grunde keine Zeit gewesen für Selbstreflexion. Natürlich gab es ein gewisses Maß an Refelxion im Zuge der Arbeit meines Publikationsprojektes „Linienprojekte“, in dem es vorwiegend um mein kartografisches Werk geht.
Neben den Skizzenbüchern ist auch die Website wichtig für mich, weil es ein Arbeitsdokument ist, wo die Spuren der Arbeit verortet und beschrieben werden müssen. Zudem entsteht meine künstlerische Arbeit nicht isoliert, sie ist sehr interaktiv angelegt, wo die Wahrnehmung des Betrachters oft zu einem Teil der Arbeit wird. Das Bananengewächshaus, zum Beispiel, mach ich nicht zum Spaß, sondern als Kritik und Diskussionsbeitrag zum Diskurs über den globalen Umgang mit Energie und Ressourcen. Die Reaktionen auf das Projekt sehe ich als Bestandteil des Projektes.
Ich nenne das Studium gerne eine ‚Phase der Aufnahme‘, jetzt bin ich in einer Phase der Ausgabe. Ich habe acht Jahre lang wissbegierig und gerne studiert, gelernt und Wissen aufgesaugt. 2010 war der Revolver voll geladen mit eignen Ideen und dem Drang zum Tun. Die Skizzenbücher füllen sich stetig weiter. Ich möchte jetzt erst mal einen Grundstock an Ideen realisieren. Wenn eine Arbeit fertig ist, dann pausiere ich oft längere Zeit, weil es sehr intensiv und anstrengend ist und ich voll drin bin. Dann habe ich Zeit nachzudenken, was war das denn eigentlich?!

Eine wichtige Frage für uns ist die nach deiner Arbeitsstruktur. Bist du selbstständig oder führst du mit ‚Agency in the Biosphere‘ ein Unternehmen? Welche Auswirkungen hat das auf deine Arbeitsweise? Deinen Alltag?

Ich hab einfach die letzten drei Jahre wenig Zeit gehabt mich richtig aufzustellen. Ich bin zwar beim Finanzamt gemeldet und habe eine Steuernummer, aber auch nur deswegen, weil ich meine Rechnungen abwickeln muss. Finanzamt und WKÖ hatten zu Beginn ein ziemliches Problem meine Arbeit einzuordnen. Einmal mach ich Zeichnungen, dann baue ich etwas, dann filme ich, dann fliege ich. Ich mache aber brav meine Steuererklärung, verrechne keine Mehrwertsteuer, weil ich als Kleinunternehmer immer unter den Umsatzlimits bin. Man hat als Künstler auch den Vorteil, dass man seine Einkünfte auf mehrere Jahre umverteilen kann, sollte man in einem Jahr mehr Kunst verkaufen, was aber bei meinen Arbeiten natürlich doppelt schwierig ist und praktisch nie passiert.
Für das Bananengewächshaus hab ich eine Praktikantin, die aber ehrenamtlich mitarbeitet. Ich möchte sie die ganze Zeit einstellen, aber ich brauche ihre Hilfe noch zu unregelmäßig. Sie hat dann gesagt: ‚Markus, weißt was, ich finde das Projekt super, ich mach da jetzt einfach mal mit und wenn das vorbei ist und du noch was vom Budget über hast, können wir das bereden‘. Das nenne ich einen „Believer“. Den Begriff kenne ich vom crowd funding und beschreibt jemanden, der an das Gute in einem noch nicht realisierten Projekt glaubt und bereit ist Leistung einzubringen. Believers sind ein total wichtiger Faktor in meinen Kunstprojekten, nicht nur leistungsbezogen sondern eben auch finanziell.

Dann gibt’s noch die etwas anstrengende Sponsorensuche, das lästig sein, fragen und überzeugen von Firmen. Das frisst viel Zeit, ist mir aber wichtig, weil ich versuche genau die ‚decision makers‘, also CEOs von (Fossilenergie fressenden) Unternhemen, in meine Projekt zu involvieren, anstatt rein auf öffentliche Kulturförderung zurückzugreifen. Du musst im Grunde genommen eine große Gruppe überzeugen, um materielle und finanzielle Leistungen zusammen zu bekommen, bevor das Projekt eigentlich entwickelt ist. Dazu braucht es gute Schaubilder oder eine gute Geschichte und Überzeugungskraft. Das liegt sicher auch am eigenen Charakter und der Art wie man mit den Menschen spricht. Ich denke da bin ich stärker als meine Schaubilder.

Arbeitsplatz des 'Agent in the Biosphere' Foto: Andigo

Arbeitsplatz des ‚Agent in the Biosphere‘ Foto: Andigo

Mehr zu Markus Jeschaunig und seiner ‚Agency in Biosphere‘ und den Projekten gibt es unter agencyinbiosphere. Wir bedanken uns für das anregende Gespräch und das zur Verfügung Stellen der Bildmaterialien.