Geschichten

Stefan Peters – Studiendekan der Architekturfakultät an der TU Graz

Anders als unsere vorigen Interviewpartner hat Stefan Peters nicht Architektur studiert, sondern nähert sich dem Thema von einer anderen Seite: Er hat in Stuttgart Bauingenieurswesen studiert, ist seit 2010 Professor für Tragwerksentwurf und seit 2013 Dekan der Architekturfakultät an der TU Graz. Im HDA treffen wir uns zum Gespräch über das Berufsbild der ArchitektInnen und der Rolle die dabei die Architekturfakultät spielt.

Herr Peters, Sie haben Bauingenieurswesen studiert und arbeiten nun an einer Architekturfakultät. Hatten Sie immer schon eine Nähe zur Architektur?
Die Nähe zur Architektur hat mit meiner Promotion an der Universität Stuttgart am Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen zu tun, wo ich sechs Jahre als Assistent gearbeitet habe. Da entstand diese Nähe, viele meiner Kollegen waren und sind ArchitektInnen. Aber prinzipiell sollte man als Bauingenieur schon ein gewisses Interesse an Architektur mitbringen, schließlich ist man am Entstehungsprozess unmittelbar beteiligt.

Seit 2013 sind Sie Dekan der Architekturfakultät. Wie wird man Dekan?

Ich bin gefragt worden und habe, vereinfacht gesprochen, die Verantwortung nicht abgelehnt. Es war aber nie ein konkretes Ziel von mir.

Was sind Ihre Aufgaben?
Es geht um die Administration einer großen Institution, nicht unbedingt mein Kerngeschäft als Bauingenieur. Das beinhaltet das Organisieren von Abläufen, Budget, Personal, Räumen …

Hier ist es aus meiner Sicht von gewissem Vorteil, dass ich Bauingenieur bin, weil es die Kommunikation auf einer technischen Uni erleichtert – ich habe sowohl den Bezug zum Bauingenieurswesen als auch zur Architektur.

Die Darstellung der Fakultät nach außen hin, was wir tun, beziehungsweise auch innerhalb der TU stellt ebenfalls eine wichtige Aufgabe dar. Für alle diese Aufgaben steht ein großes Team bereit, mit dem ich zusammenarbeite.

Sehen Sie sich auch als Repräsentant der Architekturfakultät?
Ich sehe meine Rolle nicht so, dass ich definiere oder vorgebe wofür unsere Fakultät steht. Die dreizehn Institute mit ihren unterschiedlichen Fachbereichen stehen alle für sich und machen eigenständige, spannende Sachen. Mir geht es mehr darum, ideale Bedingungen für Mitarbeiter und Studierende zu schaffen, wie etwa ausreichend Arbeitsräume! Was mich dabei motiviert ist, wenn ich merke, dass das aufgebrachte Engagement zu einem positiven Ergebnis führt.

Wie gehen Sie mit Ihrem Bauingenieurs‐Background als Dekan einer Architekturfakultät um?
An erster Stelle sehe ich mich als Professor für Tragwerksentwurf, das ist meine zentrale Aufgabe. Es gibt an fast jeder Architekturfakultät einen Ingenieur der Tragwerksentwurf unterrichtet, weil es eine wichtige Teildisziplin darstellt. Man kann kein Gebäude entwerfen, ohne sich mit dem Tragwerk auseinanderzusetzen. Diese Schnittstelle belege ich in Praxis und Forschung.

Bewegen Sie sich gerne in neue Bereiche vor, sowohl in Ihrer Tätigkeit als Lehrender als auch beruflich?
Beruflich würde ich nicht unbedingt sagen, in erster Linie sehe ich mich als Bauingenieur. Aber in meiner Rolle als Hochschullehrer unterrichte und forsche ich gerne. Da bewege ich mich gerne in andere Bereiche, um Neues auszuprobieren.

Wie definieren Sie den Beruf ArchitektIn?
Ein Architekt, eine Architektin ist aus meiner Sicht in erster Linie jemand,

Ein klassischer Architekt kennt sich in einer Vielzahl von Bereichen aus, neben dem Bauingenieur übt er einen der letzten generalistischen Berufe aus.

der eine städtebauliche Struktur, ein Gebäude oder Teile davon in jeglichen Bereichen planen kann – funktional, technisch und gestalterisch.

Auf Ihrer Institutshomepage ist zu lesen ,Die integrative Lehre mit transdisziplinärem Charakter eröffnet den StudentInnen einen zukunftsorientierten Handlungsraum für die Praxis und Theorie im erweiterten Feld der Architektur‘. Was ist damit genau gemeint?
Wenn man den Master hier an der Architekturfakultät absolviert, hat man eine Bandbreite an unterschiedlichsten Schwerpunkten zur Auswahl. Man kann ein Studio am Institut für Architekturtheorie machen und sich in das Schreiben und Lesen vertiefen oder ein klassisches Entwurfsstudio oder beispielsweise an unserem Institut in einer kurzen Zeit den Umgang mit einem Roboter erlernen. Diese Bandbreite ist aus meiner Sicht einzigartig.

Gehört aus Ihrer Sicht Schreiben über Architektur zum Beruf?
Da werden sich die Geister dran scheiden. Warum nicht? Klassischerweise werden die meisten Architekten aber eher Gebäude entwerfen und planen.

Wie steht die Uni zu dazu, dass viele AbsolventInnen das Berufsfeld weiter ausdehnen und sich nicht mit der ,klassischen Weise‘ identifizieren?
Es gibt viele Richtungen in die man sich entwickeln kann.

Das Wesentliche, was man aus dem Architekturstudium mitnimmt, ist aus meiner Sicht, dass man nicht den Blick für das große Ganze verliert.

Diese Fähigkeit eröffnet vielfältige Möglichkeiten. Deshalb ist die Lehre auch so breit aufgestellt, wobei der Schwerpunkt bei uns auf der TU Graz sicher auf dem Entwerfen liegt.

Der Büroalltag entspricht aber nur zu einem geringen Teil dem, was auf der Uni gelehrt wird, gerade die entwerferischen Freiheiten, wie man sie von den Seminaren kennt, findet man als AngestellteR kaum.
Das stimmt wohl zum Teil. Ich denke aber, dass es für die Ausübung des Berufes wichtiger ist, sich eine Arbeitsweise, Selbstständigkeit und eine architektonische Haltung, die sich bis ins Detail widerspiegelt, zu erarbeiten. Wir sind eine Universität, da bekommen Studierende nicht nur konkrete Arbeitsabläufe beigebracht, da wird viel mehr vermittelt. Während meines Bauingenieurstudiums hat mir niemand die Handhabung der Rechenprogramme beigebracht, die ich später bedienen musste, aber ich kannte die Grundlagen und so wusste ich mir zu helfen.

Sie haben auch schon an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart und der Universität der Künste in Berlin gearbeitet. Wo liegen die Unterschiede im Studium im Vergleich zu einer Technischen Universität?
Jede Schule, jede Uni hat ihren eigenen Charakter, natürlich sind an einer Akademie wesentlich weniger Studierende als an einer großen Universität, manche haben einen technischen Schwerpunkt, andere einen künstlerischen. Für mein Fachgebiet gesprochen sind die Ausbildungen aber sehr ähnlich. Interessant ist, dass an den beiden genannten Fakultäten deutlich mehr Kurse im Fachbereich Tragwerkslehre absolviert werden müssen als bei uns an der TU Graz.

Zum Abschluss eine Frage, die bei (off)architecture immer wieder auftaucht. Was haben Sie von Ihrem Bauingenieurstudium mitgenommen, abgesehen von den fachlichen Kenntnissen?
Eine Besonderheit während meines Studiums in Stuttgart war sicher, dass uns vermittelt wurde, dass man sich mit der Ausbildung als Bauingenieur in einem sehr breiten Feld technischer Fragestellungen einbringen kann. Eine Tatsache, die ich ebenfalls sehr zu schätzen weiß, ist, dass uns Bauingenieuren die Gelegenheit bzw. die Aufgabe gegeben wurde, selbst zu entwerfen.

Das Interview entstand im Rahmen der Schreibwerkstatt von Eva Guttmann während des Architektursommers. Wir möchten uns herzlich bei Stefan Peters für das Interview bedanken.