Geschichten

Ana Jeinic

Wir lernten Ana Jeinic bei einer Lehrveranstaltung am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften kennen, wo sie zu den Themen Landschafts-, Architektur- und Entwurfstheorie forschte. Wir sind neugierig wie sie dort hingekommen ist und was sie heute bewegt!

Ana, du hast neben der Architektur auch Philosophie studiert. Erzähl uns bitte etwas über deine Studienzeit und wie du dazu gekommen bist, diese zwei Fächer zu verbinden?
Vor etwa fünfzehn Jahren, als ich mit dem Diplomstudium an der Grazer Architekturfakultät begonnen habe, konnten die StudienanfängerInnen von vielen Lehrenden hören, dass der Zweck ihres Studiums nicht nur in der Aneignung von praktischen Kompetenzen läge – es ginge auch um die Entwicklung von allgemeinen intellektuellen und kreativen Potentialen, die einen Architekten/eine Architektin von reinen DienstleisterInnen der Baubranche unterscheiden. Zu diesem Berufsbild gehörte auch ein eher langes Studium, das vorzugsweise durch andere Erfahrungs- und Lernbereiche ergänzt werden sollte (von Praktika bei beliebten Architekturbüros und Teilnahmen an studentischen Architekturwettbewerben, über experimentelle Projekte und künstlerische Aktionen, bis zum obligatorischen Auslandssemester und dem Inskribieren anderer Studienrichtungen). Ich habe diese Möglichkeiten reichlich genutzt und diejenigen Lehrveranstaltungen der Studienrichtung Philosophie absolviert, die meine primär architektonischen Interessen erweitern und vertiefen konnten.

Wann rückte die theoretische Auseinandersetzung mit Architektur vermehrt ins Zentrum deiner Tätigkeit?
Als Studentin wollte ich keine “Theoretikerin” werden – meine Interessen lagen hauptsächlich im Bereich des Entwurfs. Es handelte sich allerdings um einen eher utopisch-experimentell verstandenen Entwurf, in den man auch philosophische, politische und künstlerische Fragestellungen und Methoden integrieren konnte.

Ich war damals (und bin immer noch) der Meinung, dass jeder Architekturentwurf, egal wie bescheiden und praktisch gedacht, über die Grenzen einer rein professionellen Planung (und auch über die Grenzen der formal-ästhetischen Fragestellungen) hinausgeht – denn wenn wir Räume entwerfen, entwerfen wir auch das Leben mit, das sich in diesen Räumen abspielen wird…

… und für “Lebensentwürfe“ gibt es keine Professionalisten und soll es auch keine geben.
Später, als ich das Studium absolviert habe, war das Feld der Architekturpraxis aber schon so eng geworden, dass es für praktizierende ArchitektInnen immer schwieriger wurde, ihre künstlerischen, sozialen, philosophischen oder anderen Interessen irgendwie in die Praxis zu integrieren. In dieser Situation habe ich in der Theorie, wie sie an den wissenschaftlichen Institutionen betrieben wird, einen kleinen, übriggebliebenen Bereich für mich entdeckt, in dem Architektur immer noch als eine kritische Denkdisziplin und nicht nur als ein konformistisches Metier verstanden wird. So bin ich nach dem Studium im wissenschaftlichen Feld gelandet, obwohl es gar nicht meine ursprüngliche Intention war.

Wie definierst du den Beruf der Architektin/des Architekten? Was verstehst du unter Architektur?
Meine Definition des architektonischen Berufs hängt mit der bereits beschriebenen Vorstellung vom Entwurf zusammen – ich verstehe unter dem Begriff Architektur jene Praxis, die auf einer kleinen Maßstabsebene künftige Räume für die Gesellschaft (und somit auch künftige Formen der Gesellschaft!) entwirft, verbildlicht und dadurch in den Bereich des Möglichen und Denkbaren übersetzt. Es ist mir bewusst, dass das nach einer sehr idealistischen und realitätsfernen Definition klingt… Aber wenn man ein Haus entwirft, tut man doch nichts anderes, als einen noch nicht existenten Raum in der eigenen Vorstellung entwickeln – einen Raum dessen Form das Zusammenleben seiner künftigen BewohnerInnen maßgeblich beeinflussen wird!

Gegenwärtig ist die Architektur allerdings so tief in den Prozessen der Zirkulation und Akkumulation des Kapitals verankert, dass für die meisten (zunehmend privaten) InvestorInnen die Rolle der ArchitektInnen ausschließlich darin besteht, die direkten oder indirekten Profite ihres baulichen Vorhabens möglichst zu erhöhen und die anfallenden Ausgaben möglichst zu minimieren…

… – das heißt, von ArchitektInnen wird in der Regel erwartet, Räume mit geringsten Baukosten und höchstem Vermarktungspotential zu entwerfen. Da selbstverständlich auch die Preise der „architektonischen Dienstleistungen“ in diese „Profit-vs.-Ausgaben-Kalkulation“ hineinfallen, werden die Honorare der ArchitektInnen zunehmend schlechter bei einer gleichzeitigen Prekarisierung ihrer Arbeitsbedingungen.
Wer in diesem Kontext als Architekt/Architektin überleben will, hat selten Zeit und Möglichkeiten dafür, die eigene Praxis durch theoretische Überlegungen zu bereichern bzw. Theorie-relevante Fragestellungen aus der Praxis abzuleiten. Folge davon ist die zunehmende Trennung von Praxis und Theorie im Bereich der Architektur, sowie eine Verschiebung der Architekturtheorie in den universitären Kontext bzw. in die Sphäre der reinen Wissenschaft. Dieser Tendenz entsprechend, waren auch die Bedingungen unter denen ich mich mit der Architekturtheorie bislang befasst habe, von dem universitär-wissenschaftlichen Kontext bestimmt – ich habe unmittelbar nach dem Studienabschluss die Stelle der Universitätsassistentin am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften bekommen und bald danach mit der Dissertation angefangen. Das was ich in meinem bisherigen Berufsleben praktiziert habe, würde ich nicht als Architektur bezeichnen – es war eher eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Architektur.

Die Tatsache, dass ich mich selbst als einen unfreiwilligen „Architekturflüchtling“ sehe – also, als jemanden, der sich vom eigentlichen Beruf nicht wegen der mangelnden Motivation, sondern wegen des gegenwärtig düsteren Zustands des Berufs entfernt hat – hat allerdings einen großen Einfluss auf die Themen, die mich in meiner architekturtheoretischen Arbeit interessieren…

… Meine Dissertation handelt z.B. genau von den Transformationen und Einschränkungen des architektonischen Entwurfs in der Ära des neoliberalen Kapitalismus und von den Möglichkeiten, diese Einschränkungen zu überwinden und damit zu einem neuen Verständnis vom Entwurf zu gelangen.

Wie sahen deine Arbeitsstrukturen an der Uni aus, welche Bereiche umfasste deine dortige Arbeit? Wie sehen sie heute aus?
Während ich als Universitätsassistentin in Graz gearbeitet habe, waren die Methoden und Rhythmen meiner Arbeit zu hohem Maße dem universitär-wissenschaftlichen Milieu angepasst. Im Vergleich zu den praktizierenden ArchitektInnen war ich in einem wesentlich geringerem Umfang auf Teamarbeit angewiesen; die thematischen Schwerpunkte meines Engagements, sowohl in der Forschung als auch in der Lehre, habe ich zum größten Teil selber gewählt; meine Tages- und Jahresrhythmen waren von der zeitlichen Struktur des universitären und wissenschaftlichen Betriebs abhängig.
Anders als ich es mir am Anfang vorgestellt habe, waren aber meine Aufgaben und Arbeitsbereiche als Universitätsassistentin genauso vielfältig und zeitlich miteinander verschränkt wie in jedem Architekturbüro: neben der Lehre und Forschung war auch Organisatorisches und Administratives zu erledigen, wobei die Forschungs- und Lehrveranstaltungsthemen selbst sehr breit aufgestellt waren.
Da ich, anderes als meine ehemaligen InstitutskollegInnen, aus einem nicht-wissenschaftlichen Milieu komme, war ich in dieser Situation oft zeitlich überfordert. Gleichzeitig war es mir, in einer vom Burnout und anderen Stress-Erscheinungen gezeichneten Arbeitswelt, immer sehr wichtig, genug Zeit für mich selbst zu haben, um eine hohe Lebensqualität, die körperliche und psychische Gesundheit zu erhalten. Diese zwei nicht immer vereinbaren Ziele – die Qualität der Forschung und Lehre einerseits und die Liebesqualität andererseits – gleichzeitig zu erreichen, war die größte Herausforderung. Nur dank dem Verständnis und der Unterstützung meiner KollegInnen und Vorgesetzten – besonders meines älteren Kollegen Daniel Gethmann und Institutsleiters Anselm Wagner – war es mir möglich dieses Ziel größtenteils zu erreichen.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich aus der fünfjährigen Erfahrung im universitären Umfeld sehr viel gelernt habe. Es war nicht zuletzt die thematische Vielfalt dieser Beschäftigung, die es mir ermöglicht hat, mein Wissen im Bereich der Architekturtheorie wesentlich zu erweitern. Eine Abwechslung habe ich aber trotzdem gebraucht, und in diesem Moment konnte ich sie mir auch leisten – nach der langen Multitasking-Phase habe ich entschieden, eine berufliche Pause zu machen und mich vorwiegend einem Projekt – meiner Dissertation – zu widmen. Das bedeutet, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, meinen Arbeitsrhythmus selbst zu bestimmen – was einerseits ein großer Vorteil ist, andererseits aber auch eine große Selbstdisziplin erfordert.
Um eine gewisse Regelmäßigkeit der Arbeitszeiten leichter zu erreichen, und nicht von Zuhause arbeiten zu müssen, habe ich einen Arbeitsraum gemietet. Es ist, genauer gesagt, ein Wohnzimmer in einer Wohnung, die ich mit einem Freund teile – für ihn ist das der Wohn- und für mich der Arbeitsraum. Obwohl ich mir während der Beschäftigung an der Universität die Arbeitsmethoden und -Themen der WissenschaftlerInnen gewissermaßen angeeignet habe, stammt mein Arbeitsstil und die Vorliebe für unkonventionelle Arbeitsräume eher aus meiner Studienzeit – genauer aus dem Zeichensaal. So arbeite ich am liebsten aus dem Sofa in einem „Büro“, das ich mit anderen Menschen, Hunden, Pflanzen und den Büchern teile, die eher auf dem Boden als in den Regalen liegen.

Foto: Olga Karlovac

Ana in ihrem Büro. Foto: Olga Karlovac

Wir bedanken uns herzlich bei Ana für das digitale Interview und die Einblicke in ihre Arbeitswelt! Wir wünschen ihr auf ihrem Sofa im Büro alles Gute! Fotos: Olga Karlovac